Frühlingsgeophyten

2024 gab es eine große Pflanzaktion auf dem Gelände des Ökologischen Bildungszentrums (ÖBZ). Konrad Bucher und das Team des ÖBZ erklärten den vielen Freiwilligen die notwendigen Arbeitsschritte: Erdlöcher ausheben, Zwiebeln mit der Triebspitze nach oben in eine bestimmte Tiefe setzen – nährstoffreiche Komposterde ins Pflanzloch geben und dann das Loch wieder locker mit der ausgehobenen Erde ausfüllen.

Die frühblühenden Zwiebelpflanzen sind nicht nur bunt und schön fürs Auge, sondern wichtig für die Insektenwelt sind: Sie brauchen diesen ersten Pollen und Nektar im Frühjahr ganz dringend als Nahrung.
Vorallem die Wildbienen sind auf spezielle einheimische Blütenpflanzen angewiesen, denn sie sind „Feinschmecker“. Anders als die Honigbienen, die viele verschiedene Blüten als Nahrungsquelle nutzen können – sind die meisten Wildbienenarten, aber auch viele Schmetterlinge, sogenannte Spezialisten: Sie brauchen eine ganz bestimmte Pflanzenart, um überleben zu können. Wenn solche Pflanzenarten verschwinden, verschwinden mit ihnen die Wildbienen und Falter.

Das schöne Buschwindröschen ist zum Beispiel Nahrungsquelle für 18 Wildbienenarten.

560 verschiedene Wildbienenarten gibt es in Deutschland und alle sind auf die einheimischen Pflanzen als Nahrungsquelle angewiesen.

Überlebensstrategie „früher blühen“

Jetzt muss noch die Frage geklärt werden, warum denn viele dieser früh blühenden Arten eine Zwiebel haben und auch im Auwald, an Waldrändern – am Rande von Hecken – also im Schatten so herrlich bunt blühen.

Das Besondere an den Frühblühern ist die kurze Stoffwechselphase. Sie blühen nur kurz, bilden schnell ihre Früchte aus und sind kurz darauf verschwunden. Aber wieso, fragt man sich, schließlich fängt doch das schöne und warme Wetter nun erst richtig an?

Bäume und Hecken beschatten im Sommer den Waldboden so stark, dass beispielsweise das Buschwindröschen keine Chance mehr hätte, ausreichend Licht für die Photosynthese zu bekommen. Im Laufe der Evolution haben sich die Pflanzen des Waldbodens aber eine ökologische Nische gesucht, in der sie überleben können. Sie nutzen das Sonnenlicht, das im zeitigen Frühjahr bis auf den Waldboden fällt, weil die Laubbäume noch kahl sind und viel Licht durchlassen. Mit Nahrung sind die Frühblüher bestens versorgt, denn was sie zum Austreiben und Blühen brauchen ist in ihren unterirdischen Speicherorganen, den Zwiebeln, Rhizomen oder Knollen eingelagert.

Nach der kurzen Blüte haben die Pflanzen wieder genügend Speicherstoffe für das nächste Jahr gesammelt und in den Zwiebeln gespeichert. Sie ziehen danach meist vollständig ein und warten im Waldboden auf ihren Auftritt im nächsten Frühjahr.

Andere Frühblüher-Arten blühen zu so einem frühen Zeitpunkt im Jahr, da sie an sommertrockenen Standorten wachsen. Im Sommer wäre nicht genügend Wasser für die ressourcenzehrende Blüte vorhanden, im zeitigen Frühjahr können sie noch aus dem Vollen schöpfen.

Um Nachtfrost und Kälteeinbrüche zu überstehen, haben bestimmte frühblühende Arten „Frostschutzmittel“ entwickelt. Schneeglöckchen lagern zum Beispiel Salze ein, die verhindern, dass das Wasser in ihren Knollen, Blättern oder Trieben gefriert.

Kurze Pflanzenporträts

Die Diva: Märzenbecher Leucojum vernum

Foto
Foto: Marc Haug

Der Märzenbecher ist eine richtige Diva, sprich eine schwierige Pflanze, die nicht so leicht anwächst. Die Zwiebeln trocknen leicht aus, und sterben ohne Erde. Deswegen wurden sie nach der Lieferung in kleinen Töpfen mit Erde versorgt und sind schon ausgetrieben. Wegen der zarten Würzelchen muss man sehr vorsichtig mit ihnen umgehen. 6 Zwiebeln setzen wir ca. 10 cm tief in ein großes Spatenloch, das mit etwas Kompost angereichert wurde. Wir setzen die Märzenbecher an 2 ganz unterschiedliche Stellen – auf der Wiese und mitten im Gehölz.

Eigentlich brauchen sie ja schattige Standorte. Es soll aber untersucht werden, wo sie sich besser entwickeln. Leider wird das erst im übernächsten Jahr klar werden, denn die Diva läßt sich viel Zeit mit ihrer Entwicklung und blüht erst im zweiten Jahr.

Das Buschwindröschen Anemone nemorosa

Foto: Martin Lell

Das zarte Buschwindröschen setzt man nur 3 – 5 cm tief in möglichst feuchten und nährstoffreichen Boden mit lockerer Laubmulchschicht, bevorzugt am Rande von Buchengruppen. Es blüht von März bis April; vom Vorfrühling bis zum Frühsommer mit grünen Blättern, dann werden die Blätter eingezogen.

Es ist nicht nur Nahrungspflanze für 18 Wildbienenarten, sondern auch für 4 Schmetterlingsarten, 8 Schwebfliegenarten und eine Käferart.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt.

Das Gelbe Windröschen Anemone ranunculoides

Foto: Ruth Mahla

Das gelbe Windröschen ist wie das weiße Buschwindröschen einheimisch, ungefährdet, und nicht besonders geschützt und kommt vor allem in Bruch- und Auenwäldern sowie in feuchten Laubwäldern, also vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen vor.
Es ist für kurzrüsselige Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer, Fliegen eine wichtige Nahrungspflanze und blüht etwas später als das weiße Buschwindröschen.

Der Frühlings-Krokus Crocus vernus

Foto: Konrad Bucher

Diese besonders beliebte und bekannte Art wächst auf durchlässigen, nährstoffreichen Boden, gerne auch auf sonnigen Wiesen und im menschlichen Siedlungsbereich. Blütezeit ist von Februar bis März. Der Frühlings-Krokus ist nicht heimisch, aber dennoch Nahrungsquelle/Lebensraum für 4 Wildbienenarten, z.B. die gehörnte Mauerbiene. Die Art ist ungefährdet, aber durch das Bundes naturschutzgesetz (BNatSchG:) besonders geschützt.

Der Zweiblättrige Blaustern Scillabifolia

Foto: Martin Lell

Der Zweiblättrige Blaustern wächst sowohl an sonnigen, wie auch an halbschattigen Stellen auf feuchten Wiesen und Weiden, Bruch- und Auenwäldern, Laub- und Tannenwäldern.
Schwebfliegen, Bienen, Falter bestäuben ihn und er ist wichtige Nahrungspflanze für die gehörnte Mauerbiene und die gewöhnliche Schmalbiene.
Die einheimische Pflanze blüht im März und April, ist ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt. Man sollte die Zwiebelchen 5 -10 cm tief setzen.
In Parks ist meist der angepflanzte Sibirische Blaustern zu finden.

Das Schneeglöckchen Galanthus nivalis

Foto: Ruth Mahla

Schneeglöckchen blühen von Februar bis März und kommen in Bruch- und Auenwäldern, auf nährstoffreichen, feuchten Böden, oft im Wald, aber auch in Gärten vor.
Es ist ebenfalls wichtige Nahrungspflanze für die gehörnte Mauerbiene und die gewöhnliche Schmalbiene. Der grüne Fleck auf den Blütenblättern dient als Orientierungssignal für Insekten, das diese zu Nektar und Pollen führt.
Die einheimische Art ist auf der Vorwarnliste und durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Gefingerter Lerchensporn Corydalis solida

Foto: Konrad Bucher

Der Lerchensporn blüht von März bis April in Laub- und Auenwäldern, aber auch auf Obstwiesen und in Weinbergen, vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen. Er bevorzugt feuchte, leichte, lockere mullreiche Lehmböden.
7 verschiedene Wildbienenarten, 3 Schmetterlingsarten und eine Schwebfliegenart brauchen ihn als Nahrungspflanze.
Er ist einheimisch, ungefährdet und nicht besonders geschützt.


Gartentipps

Es gibt eine Vielzahl insektenfreundlicher Frühblüher. Besonders geeignet sind verwildernde Arten, die zwar kleiner als hochgezüchtete Sorten sind, sich aber selbst aussamen und mit der Zeit bunte Teppiche im Frühjahr bilden. Unsere heimischen Wildarten sind viel wertvoller für die heimische Insektenwelt und deswegen immer den hochgezüchteten und oft auch gefüllten Arten vorzuziehen.

Im Fachhandel hat sich der Begriff „botanische Arten“ eingebürgert. Neben den reinen Wildarten sind damit aber auch Mutationen von Wildarten und Auslesen aus der Wildart gemeint. Erkennbar sind diese am angehängten Sortennamen in einfachen oberen ‚Anführungszeichen‘.

Oft hört man auch den Begriff „Stinsenpflanzen“ in diesem Zuammenhang: Dies sind vom Menschen im Siedlungsbereich, meist in Gärten schon seit langen eingeführte und anschließend verwilderte Pflanzen, die so zu einem Bestandteil der natürlichen Vegetation wurden.

Wenn möglich, bitte auch die Frühlingsgeophyten-Zwiebeln bei Biogärtnereien kaufen, bzw. bestellen. Anders als beim Gemüsesaatgut stammen auch diese Zwiebeln oft aus konventionellen Anbau, was aber bei guten Biogärtnereien immer ausdrücklich vermerkt ist. Meist liegt es daran, dass das knappe Angebot von biologisch vermehrten Frühblühern ab einem bestimmten Zeitpunkt ausverkauft ist.

Pflanzen, wenns kalt wird – so gehts:

Am Besten pflanzt man im späten Herbst, wenn der Boden schon auf 10 Grad Celsius abgekühlt ist und kein keine Warmwetterperiode angekündigt ist. Denn die Zwiebeln sollen möglichst nicht vor dem nächsten Frühjahr austreiben. Das würde ihre Nährstoffvorräte dezimieren und sie schwächen.

  • Vorbereitung des Bodens: Den Boden gründlich lockern und Unkraut entfernen. Etwas Kompost hinzufügen.
  • Pflanztiefe beachten: Faustregel: Zwiebeln oder Knollen doppelt so tief in die Erde stecken, wie sie hoch sind, die Spitze soll natürlich nach oben zeigen.
  • Abstand einhalten: Zwiebeln oder Knollen mit ausreichend Abstand platzieren, um genügend Raum für das Wachstum zu bieten.
  • Einpflanzen und Angießen: Zwiebeln oder Knollen mit Erde zudecken und leicht andrücken. Bei Trockenheit anschließend gießen.
  • Pflanzstelle markieren

Weitere häufige Frühblüher

Foto: Ruth Mahla

Winterling Eranthis hyemalis
kommt in lichten Gebüschen, in feuchten Laubwäldern, oft auch in Parks und auf nährstoffreichen Böden vor.
Wertvoll für Schwebfliegen, Bienen, Falter.
Blühzeiten: Februar – April
Stinsenpflanze: etabliertes (neophytisches) Vorkommen, nicht besonders geschützt.

Foto: Ruth Mahla

Gewöhnliches Leberblümchen Hepatica nobilis
Kommt vor allem in Laub- und Tannenwäldern vor, bevorzugt mäßig feuchte und warme Standorte. Es wächst auch auf verdichteten Böden, solange es darin nicht im Wasser steht und kommt selbst mit strengsten Frösten gut zurecht.
Bestäuber: 18 Wildbienenarten, 3 Schwebfliegen-Arten, Käfer und Fliegen.
Blühzeiten: März, April ; ist im Gegensatz zu den meisten Frühblühern immergrün.
Status: einheimisch, ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Foto: Ruth Mahla

März-Veilchen Viola odorata
Oft an Waldrändern und auf Waldlichtungen zu sehen, an trockenen, stickstoffreichen Standorten, vorwiegend außerhalb von Städten.
Bestäuber: Bienen.
Blüht im März und April und ist immergrün.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt

Scharbockskraut Ranunculus ficaria
Das Scharbockskraut bevorzugt einen halbschattigen, nahrhaften und leicht feuchten Boden. Im Sommer kommt es aber dank seiner Wasservorräte in den Knöllchen auch mit Trockenheit zurecht. Vielerorts der erste Frühblüher.
Bestäuber: kurzrüsselige Bienen, Schwebfliegen, Falter.
Blühzeiten: März – Mai.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt

Hohe Primel/Hohe Schlüsselblume Primula elatior
Meist auf Feuchtwiesen, in Bruch- und Auenwälder sowie Laub- und Tannenwälder. Weitgehend an Wald gebunden, vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen, auf nährstoffreichen Böden.
Zieht vor allem Hummeln und Tagfalter an.
Blüht von März bis Mai und hat nur in der wärmeren Jahreszeit grüne Blätter.
Status: einheimisch, ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Wald-Gelbstern Gagea lutea
Kommt auf Wiesen und Weiden vor, in Bruch- und Auenwäldern und in feuchten Laubmischwäldern.
Bestäuber: Schwebfliegen, Bienen, Falter.
Blühzeiten: April, Mai
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt.
Die Gelbsterne sind nicht mit den Blausternen verwandt. Sie gehören zu den Liliengewächsen, die Blausterne zu den Spargelgewächsen.


Text: Ruth Mahla; Bilder: Marc Haug, Martin Lell, Konrad Bucher, Ruth Mahla