Vorab: Auch wenn wir in einer bunt blühenden Wiese den Inbegriff eines natürlichen Lebensraumes sehen – Wildblumenwiesen mit ihrer ganzen faszinierenden Artenvielfalt sind ein Kulturgut, das ohne regelmäßige Pflege und Mahd nur kurz bestehen würde.
In den mittleren Breiten gibt es keine dauerhaften natürlichen Wiesen, außer die Salzwiesen in Küstennähe und den alpinen Matten oberhalb der Baumgrenze. Ohne regelmäßige Mahd oder Beweidung würde der Lebensraum Wiese im Laufe der Zeit von Büschen und Bäumen besiedelt und in Wald übergehen (Sukzession). Einer der schönsten und wichtigsten Lebensräume unserer Heimat ist also in Folge der traditionellen bäuerlichen Nutzung und Kulturentwicklung entstanden – und sollte auch als solcher gewürdigt und erhalten werden.

Bei schonender Nutzung und Pflege, vorallem, wenn Überdüngung vermieden wird, beherbergen Wiesen eine enorme Artenvielfalt. Mehr als ein Drittel aller heimischen Pflanzenarten haben dort ihr Hauptvorkommen. Von den gefährdeten Pflanzen wachsen sogar rund 40 Prozent auf Grünland. Die typischen Gräser, Kräuter und Wildblumen der Wiesen und Weiden haben sich der Bewirtschaftung besser angepasst als andere Pflanzen. So ertragen Pflanzen mit bodennahen Blattrosetten wie Gänseblümchen oder Margeriten den Schnitt sehr gut. Der regelmäßige Eingriff des Menschen befreit sie von Konkurrenten, die ihnen sonst Licht und Nährstoffe streitig machen würden.
Aber nur Wiesen und Weiden, die extensiv bewirtschaftet werden, d.h. nur ein- bis maximal dreimal im Jahr gemäht, nur wenig oder nicht gedüngt werden und nur von einer verträglichen Anzahl von Tieren beweidet werden, bleiben dauerhaft artenreiche und für die Biodiversität bedeutende Lebensräume.



Je nach Art und Intensität der Nutzung und Verschiedenartigkeit von Exposition, Klima, Bodentyp, Hangneigung und Höhenlage – können sich etliche (in Deutschland ca. 60) spezielle Wiesentypen, sog. „Grünland-Biotoptypen“ herausbilden, denen aber allen gemeinsam ist, dass Sie regelmäßig gemäht werden, um das wertvolle Gras oder Heu an Tiere zu verfüttern. (Referenzliste der Biotoptypen Deutschlands)
Wichtige Wiesentypen in Bayern
- Alpine Matten und Bergwiesen
- Feucht- und Fettwiesen
- Trocken- und Magerrasen
- Streuwiesen
- Streuobstwiesen
Löwenzahnmonokultur – kein gutes Zeichen
Während extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden Lebensraum für viele Tiere, wie Vögel und Frösche, Heuschrecken und Spinnen, Käfer und unzähliche Insektenarten sind, setzt sich die sog. „Einheitsfettwiese“ immer mehr durch. Durch intensive Düngung und häufiges Mähen verschwinden alle Kräuter und Wildblumen, die mit der Stickstoffflut nicht zurechtkommen und es entstehen die gelben Löwenzahnwiesen und artenarmen „Grasäcker“, die zwar viel Biomasse, aber kaum mehr gesunde Kräuterkost für die Nutztiere liefern. Auf diesen Produktionsflächen geht die Doppelfunktion von bäuerlicher Vieh- und Weidewirtschaft und Schutz der biologischen Vielfalt und der naturnahen Lebensräume völlig verloren. Wie in jeder anderen Monokultur auch, nimmt hier die Artenvielfalt immer weiter ab – einer der Gründe, warum in Deutschland die Städte oft eine höhere Artenvielfalt verzeichnen als das intensiv agrarindustriell genutzte Land.
Dieser Schwund ist nicht nur eine Katastrophe für den Artenschutz, sondern auch ein trauriger Verlust für uns Menschen. Wir verlieren mit der geliebten Kulturlandschaft Heimat und Verwurzelung und auf Dauer auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Und das, obwohl die Problematik in Politik und Landwirtschaft ausreichend bekannt ist und viele gute Programme für den Schutz der Kulturlandschaft und speziell auch der extensiven Bewirtschaftungsformen in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden.
Wenn wir alle Fleisch nur noch aus extensiver Weidehaltung konsumieren und damit die Landwirte, die sich für eine naturnahe und verantwortungsvolle Bewirtschaftung der Kulturlandschaft entschlossen haben, unterstützen würden, wäre schon sehr viel gewonnen. Denn meist rührt der Zwang zur Überdüngung (Odel) aus dem unangepasst großen Viehbestand, der den Hof erst wirtschaftlich profitabel macht. Solange Folgeschäden, wie die Nitratbelastung des Grundwassers und Artenschwund sich nicht in den Preisen an der Fleischheke abbilden, was unsere Gesetzgebung immer wieder verhindert, wird sich an diesen pervertierten System nichts ändern. Die pauschale Verurteilung der Fleischwirtschaft und Propagierung von Veganismus für alle bringt hier auch nicht weiter.
Weidetiere und Biodiversität
Weidetiere sind ein Schlüsselfaktor zur Begrenzung des Verlust der Biodiversität und der Stabilisierung der Grünland-Ökosysteme. Rinder können für Menschen nicht verdauliches Gras in Fleisch und Milch umwandeln, tragen damit zu nachhaltiger und regionaler Versorgung bei. Je biodiverser eine Wiese oder Weide auf den vielen Grenzertragsflächen in Bayern, desto stabiler das Ökosystem und damit auch der Ertrag auf sonst unproduktiven oder nur mit viel mehr Ressourceneinsatz zu nutzenden Flächen. Gerade Bergweiden sind oft ein Hot-Spot der Artenvielfalt und beherbergen oft viele Rote-Liste Arten.








Große Mengen an Kohlenstoff werden über die Wurzeln von Gras, Blumen und Wiesenkräutern unterirdisch im Boden gespeichert – und je mehr verschiedene Pflanzenarten mit unterschiedlicher Wurzeltiefe- und Breite vergesellschaftet sind, desto mehr Kohlenstoff wird dauerhaft festgelegt und desto stabiler das System.
Unter Grasland befinden sich weltweit etwa 50 Prozent mehr Kohlenstoff als unter Waldböden. Grünland ist die wichtigste terrestrische Kohlenstoffsenke und hat damit eine bedeutende Rolle im nationalen und internationalen Klimaschutz.
Verantwortungsvoller Fleisch- und Milchkonsum in Mengen und zu Preisen wie zu Omas Zeiten ist ein genussvoller und gesunder Beitrag zu Arten- und Klimaschutz und zum Erhalt einer bäuerlichen Kulturlandschaft, in der wir uns wohl und beheimatet fühlen können.
Quellen:
https://www.bund-naturschutz.de/natur-und-landschaft/wiesen-und-weiden-in-bayern/lebensraum-wiese,
https://schweisfurth-stiftung.de/tierwohl/gruenland-und-weidetieren/
Anita Idel: Die Kuh ist kein Klima-Killer!: Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können (Agrarkultur im 21. Jahrhundert) Taschenbuch – 24. April 2024
Text und Bilder: Ruth Mahla


