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Angelegte Blühflächen & Wildstaudenbeete

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Blühwiesen und extensive Weiden gehören zu den artenreichsten Ökosystemen in Mitteleuropa, sind aber ohne Mahd und Pflege nur relativ kurzfristige Erscheinungen, da sie in Folge der natürlichen Sukzession verbuschen und sich schließlich zu Wald weiterentwickeln würden. (Siehe Artikel Wiesen & Weiden)

Die bunt blühenden Wiesen, wie wir sie kennen und lieben, Lebensraum für eine Vielzahl von Wildtieren, wie Vögel und zahlreiche Insektenarten, sind also heutzutage eine Erscheinung unserer bäuerlichen Kulturlandschaft – wertvolle Biotope, die der Mensch durch naturnahe Nutzung schafft und erhält.

Wenn wir uns also größere und kleinere Blühinseln auch in unsere Städte holen, um die urbane Biodiversität zu fördern, dann folgen wir einer alten Kulturtradition, die wir nur ein wenig an den neuen Zweck anpassen müssen. In der Regel brauchen wir das gemähte Gras in der Stadt nicht für Nutzvieh – die anfallende Biomasse ist aber auch für uns wertvoll, da wir auf dieser Basis Kompost- und Mulchwirtschaft in unseren urbanen Gärten begünstigen können.

Anders als auf dem Land ist es im urbanen Bereich nicht notwendig, riesige Flächen anzulegen, weil wir sie in der Regel nicht mit schweren Landmaschinen möglichst wirtschaftlich bestellen müssen. Viele kleine verschiedene Blühinseln und Trittsteinbiotope, die von engagierten Anwohner*innen oder Beetpaten mit der Hand gepflegt werden können, sind in den Stadtvierteln und in den urbanen Garten- und Parkanlagen ebenso sinn- und wertvoll. Ideal wäre es, wenn ein grünes Band alle diese Klein- und Minibiotope miteinander verbinden würde, so dass das Wandern und der Austausch der Arten gewährleistet ist.

Die TU München und das Museum für Naturkunde in Berlin, Verbundpartner im Projekt BioDivHubs – Biodiversität ins Quartier haben in ihrem Forschungsprojekt zu Wildbienen nachgewiesen, dass:

„Blühbereiche dazu beitragen einer Vielzahl von Tieren Lebensraum und Nahrungsangebot zu bieten. Unsere Forschung zu Wildbienen und anderen Bestäubern in Gemeinschaftsgärten ergab, dass der Blütenreichtum in den Gärten einen positiven Effekt auf die Individuenzahl, die Anzahl der Bestäubergruppen und die Vielfalt der Bestäuber insgesamt hatte. Es gab also in Gärten mit mehr Blüten tendenziell eine höhere Vielfalt an Bestäubergruppen wie Wildbienen, Schmetterlingen, Fliegen und Wespen, sowie mehr Individuen und einen höheren Artenvielfalt. (…) Mit ihrer Vielfalt an Pflanzen und Insekten und deren Interaktionen sind Blühbereiche in Gärten darüber hinaus ausgesprochen geeignete Lernorte für spannende Naturerfahrungen und Umweltbildungsangebote.“

Bewährte Pflanzkonzepte für die Stadt

Grob unterscheiden kann man neuangelegte Blühbereiche einerseits anhand der Standortmerkmale, der Nutzungsansprüche, des Pflegeaufwands, aber auch nach der Zusammensetzung der Pflanzen: Sollen vorwiegend mehrjährige Stauden gepflanzt werden oder soll eine bunte Wiesenblumenmischung mit mehrjährigen Wildstauden, einjährigen Wiesenblumen und Gräsern eingesät werden, die eine Mahd mindestens einmal im Jahr erfordert?

Wir unterscheiden:

  • Pionierflächen – Ruderalflächen
  • Blühstreifen, Blühwiesen
  • Staudenpflanzungen

Pionier- und Ruderalflächen

Foto: Konrad Bucher; Ruderalfläche vor dem Stadtacker am Ackermannbogen (München) im 2. Jahr: Straußblütige Wucherblume, Weidenblättriges Ochsenauge, Färberkamille, Kartäusernelke , Wegwarte und gewöhnlicher Natternkopf dominieren – in der untersten Schicht gedeihen Kleearten und angepflanzte Thymianarten

„Pionierflächen“ werden aus der Nutzung genommene Lebensräume mit offenem Boden genannt. Im nährstoffarmen und kalkhaltigen Schutt oder Kies siedeln sich gerne lichtliebende Krautpflanzen als erste Pioniere an. Auch wenn man nichts pflanzt oder ansäht ergrünen die Flächen allmählich, da genug „schlafende“ Samen überall in den Böden ruhen und von Vögeln und auch dem Wind Saatgut verfrachtet wird.

„Ruderal“ leitet sich vom lateinischen Wort rudus ab, was zerbröckeltes Gestein, Geröll, Schutt bezeichnet. Vegetationsökologisch unterscheidet man sehr viele unterschiedliche Ruderalstandorte, darunter auch stickstoffreiche, sehr üppig bewachsene Flächen. Oft sieht man an ungenutzten Bauflächen, stillgelegten Bahnstrecken und Böschungen einen sich mit den Jahren verändernden Bewuchs, der je nach Nährstoffangebot und Exposition sehr verschieden ausfallen kann. An offenen und nährstoffarmen Standorten siedeln sich oft Pflanzengesellschaften an, die denen der Trocken- und Kalkmagerrasen ähneln. Diese Pflanzen, die „lichtliebenden Hungerkünstler“, kann man in sonnigen, trockenen Lagen anpflanzen, wenn man den Mutterboden abträgt und mageres Substrat und Kies aufschüttet. Es können sowohl passendes Saatgut ausgebracht, als auch Topfpflanzen eingesetzt werden – oder eine Kombination aus beiden. Auch trockene Sommer überstehen sie ohne Bewässerung.

Es muss zwar nicht regelmäßig gemäht werden – invasive Neophyten, wie die Kanadische Goldrute oder das Einjährige Berufskraut sollten aber regelmäßig rausgenommen und der Boden offen gehalten werden.

Blühwiesen und Blühstreifen

Foto: Ruth Mahla, Angelegte Blühwiese vor dem Stadtacker am Ackermannbogen im 3. Jahr. mit Wiesensalbei, Margariten, Wiesen-Witwenblumen u.v.m.

Die meisten Blühwiesenarten benötigen viel Sonneneinstrahlung und Wärme für ein gutes Wachstum. Es lohnt sich immer, einen solchen Standort mit einer Blühwiese oder einen Blühstreifen aufzuwerten. Dabei ist auch das Nährstoffangebot ein wichtiger Faktor, was für eine Artenzusammensetzung sich auf der Fläche etablieren kann. Generell gilt: Je geringer das Nährstoffangebot, desto biodiverser das Biotop. Meist sind auch die die eher seltenen heimischen Wildpflanzen besonders wertvoll für die heimische Insektenwelt, die sich auf eine dieser Arten als Futterpflanze spezialisiert haben. So ist zum Beispiel die Glockenblumen-Scherenbiene auf den Pollen von wilden Glockenblumenarten (Campanula) angewiesen.

Auch wenn keine großen öffentlichen Flächen zur Verfügung stehen, kann man entlang von Rasenflächen, Wegen und Gemüsebeeten im Garten Blühstreifen entwickeln, die die biologische Vielfalt stärken, wunderschön aussehen und außerdem wertvolle, kräuterreiche Biomasse in den urbanen Garten bringen – denn Blühwiesen- oder Streifen sollten einmal oder zweimal im Jahr gemäht werden. Das Mähgut muss aus der Fläche genommen werden, um eine Wiederanreicherung mit Nährstoffen zu verhindern. Dieses duftende Heu ist idealer, hochwertiger Mulch für die Beete und bestes Kompostmaterial. So kann auch das Prinzip des urbanen Dreizonen-Gartens verwirklicht werden, welches darauf aufbaut in sog. „Hotspots“ im Garten selbst, oder in angrenzenden Flächen im Quartier, einerseits Lebensraum für die biologische Artenvielfalt zu schaffen, als auch wertvolle Biomasse zu erzeugen, die für den intensiven Biogemüsebau in der „Ertragszone“ im Garten genutzt werden kann.

Blühwiese Illustration mit Legende
Auszug aus dem Maßnahmenkatalog der TUM: Illustration von Valentina Arros

2025 haben die Verbundpartner des BioDivHubs-Projekts den wunderschön illustrierten Katalog: „Gärtnern für mehr Biodiversität in der Stadt“ veröffentlicht. Er bietet eine Sammlung leicht verständlicher und praxisnaher, langjährig erprobter und wissenschaftlich fundierter Anleitungen, wie Gartenengagierte die biologische Vielfalt in der Stadt fördern können. Auch für die Anlage von Blühbereichen gibt es eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, die sich an den Gegebenheiten der Urbanen Gärten orientiert. Es wird unmittelbar verständlich: Wir können wirklich „Tiere pflanzen“! Der Maßnahmenkatalog ist als kostenloses E-Book, oder als Printausgabe bei TUM University Press erhältlich: Zum Katalog

BioDivHubs Saatgutmischung TUM

Die Expert*innen der Technischen Universität München haben eine besonders insektenfreundliche Saatgutmischung mit heimischen Wildpflanzen entwickelt, die sich besonders für sonnig-trockene Standorte eignet. Diese Mischung ist die Grundlage für widerstandsfähige Blühwiesen im Münchner Raum, die wunderschön und ausdauernd blühen, und damit – von Frühling bis spät in den Herbst hinein – Nahrung und Lebensraum für eine Vielzahl von zum Teil auch seltenen Wildbienenarten, Schmetterlingen und andere Insekten bereit stellen.

Die Mischung besteht aus 31 heimischen Arten und ist gut an das Münchner Klima und die vorherrschenden durchlässigen Böden auf der Schotterebene angepasst. Feldversuche der TUM wiesen nach, dass alle Arten dieser Blühwiese mehrere Wochen Trockenheit ohne Bewässerung überstehen können, was angesichts der zunehmenden Hitze- und Trockenperioden in Zeiten des Klimawandels Vorraussetzung für eine nachhaltige und ressourcenschonende Entwicklung zu mehr Biodiversität im urbanen Raum ist.

Wie kann ich als urbane Gärtner*in einen Blühstreifen oder eine Blühwiese anlegen?

Das Wichtigste ist, dass ihr euch regional angepasstes Biosaatgut beschafft. Nicht jede bunte Mischung aus dem Gartencenter wird zur insektenfreundlichen und ausdauernden Blühwiese, auch wenn mit dem Label „bienenfreundlich“ inflationär geworben wird. Innerhalb der heimischen Pflanzen finden sich oft deutliche genetische Unterschiede, weshalb zum Schutz der genetischen Vielfalt nur regionale, sogenannte gebietseigene Herkünfte verwendet werden sollten. So blühen zum Beispiel Pflanzen aus den Wärmeinseln in Unterfranken im kühlen
Voralpenland aufgrund ihrer Genetik unter Umständen zwei Wochen früher, während ihre Bestäuber dort noch gar nicht geschlüpft sind.
Daher ist gebietseigenes oder autochthones (aus der unmittelbaren Umgebung) Saatgut das beste Mittel zur Förderung der Biodiversität vor Ort. Auf Anfrage könnt ihr gerne die BioDivHubs-Mischung mit gebietseigenen Saatgut erhalten. Aber auch beim Bund Naturschutz, bei Naturgarten e.V. und beim LBV gibt es gute Mischungen mit heimischen Arten. Um eine Vorstellung von der Vielzahl der geeigneten heimischen Wildblumenarten zu bekommen, seht euch die 31 heimischen Arten auf Natura DB an. Weiter unten findet ihr auch eine Liste zum Ausdrucken.

Geeignete Zeiten für die Aussaat sind im Frühjahr von März bis Mai, sowie im September. Das Saatbett sollte möglichst homogen, locker, feinkrümelig und vegetationsfrei sein. Dann fällt es auch leichter, die Saat gleichmäßig auszustreuen, anzudrücken und bei Bedarf vorsichtig mit einer feinen Tülle anzugießen, ohne dass es weggeschwemmt wird. Damit die Pflanzen gleichmäßig keimen, muss der Boden in den ersten Wochen feucht gehalten werden.

Entlang von Beeten oder am Rande eines Ackers ist die Anlage eines Blühstreifens kein großer Aufwand – allerdings sollte der Boden nicht zu nährstoffreich sein, was in den Gärten aber oft der Fall ist. Erde vom Gemüseacker sollte deswegen abgetragen und mit nährstoffärmerer Erde ersetzt werden. Man kann zu fette Erde aber auch mit viel Sand abmagern.

Falls eine Rasenfläche zur Blühwiese umgewandelt werden soll, ist der Aufwand schon erheblich größer und bei größeren Flächen ohne maschinellen Einsatz sehr arbeitsintensiv und anstrengend. Für kleine Flächen empfiehlt sich das „Holländern“: Man hebt eine Erdscholle zwei Spaten tief aus und versenkt sie mit der Grasnarbe nach unten im Boden. Bei größeren Flächen kann man sich einen Rotationspflug ausleihen, der die Grasnarbe untergräbt und das Erdreich lockert. Weitere Machinen, wie die Kreiselegge zur Vorbereitung eines feinkrümeligen Saatbetts, ein Saatgutstreuer und eine Rasenwalze erleichtern die weiteren Arbeitsgänge.

Wichtig ist es, nach der Bodenbearbeitung das Erdreich 2 – 3 Wochen ruhen zu lassen. In dieser Zeit gehen sicher noch Samen der im Boden vorhandenen Beikräuter auf – die kann man dann vor der Feinplanie und dem Einsähen entweder per Hand jäten (bei kleinen Flächen), oder durch Hacken und Rechen von ihren Wurzeln trennen.

Da die meisten heimischen Wiesenarten Lichtkeimer sind, genügt es, das Saatgut anzudrücken. Es muss nicht mit Erde bedeckt werden.

Artenauswahl für eine Blühwiese an einem sonnigen Standort


Staudenpflanzungen

Der ökologische Wert der Wildpflanzen ist so bedeutend, da sich im Laufe vieler Jahrtausende eine ganz spezifische, an die gegebenen Bedingungen (Klima, Boden usw.) angepasste Pflanzenwelt entwickelt hat, welche die Lebensgrundlage für eine vielfältige Tierwelt bildet. Tiere und Pflanzen haben sich zusammen zu einen engmaschigen Beziehungsnetz entwickelt und sind aufeinander angewiesen. Wenn aus einen solchen Netz zu viele Arten verschwinden, wird das Ökosystem instabil, weil die Lebens- und Nahrungsgrundlage nicht mehr vorhanden ist. Neu bei uns eingebrachte, gebietsfremde Pflanzenarten stören dieses sensible Beziehungsnetz. Sie sind oft konkurrenzstärker und bilden dann dichte, grossflächige Bestände, die die
naturnahen Pflanzengemeinschaften von ihrem Standort verdrängen. (z.B. Seerosen-Hybriden, Kanadische Goldrute, Indisches Springkraut, Japanischer Knöterich, Riesen-Bärenklau etc.). Meist profitieren nur häufig vorkommende „Allerweltsarten“ , wie z.B. Amseln und andere Generalisten von den sog. invasiven Neophyten, während die Spezialisten, die eine ganz bestimmte Pflanzenart zum Überleben brauchen, still und oft unbemerkt aussterben.

Wir haben eine echte Chance die Restbestände unserer Wildflora- und Fauna in unseren Gärten, Parks, urbanen Freiflächen und sogar auf unseren Balkonen wieder anzusiedeln, bzw. zu schützen. Wie bei den Blühwiesen gilt aber auch hier, dass es genügend große und viele solch naturnah gestalteter Lebensinseln und Trittsteinbiotope geben muss, damit ein erfolgreicher Austausch der Individuen und des Genpools gewährleistet ist. Ein grünes Band durch die ganze Stadt muss hier die Zielvorstellung sein.

Diese urbanen Blühbereiche müssen durchaus nicht wie eine sich selbst überlassene Fläche wild und „unordentlich“ sein. Man kann mit Wildpflanzen sowohl ökologisch wertvolle, als auch ästhetisch ansprechende und kunstvolle urbane Areale schaffen, die alle unsere Sinne ansprechen und gleichzeitig unser Bedürfnis nach Ordnung und harmonischen Strukturen befriedigen. Wir können die zarte Schönheit der Wildpflanzen nutzen und sie zu einem Teil unserer urbanen gestalteten und gepflegten Umwelt machen: Einen Garten!

Ludwig von Sckell, der bedeutende Gartengestalter des 18. Jahrhunderts, der den Englischen Garten in München vollendete sagte dazu: „Das Bestreben der Natur passt vorzüglich dahin, ihren Pflanzen jene Stellen anzuweisen, wo sich diese ernähren und verbreiten können, ohne Rücksicht, ob sich gerade diejenigen, die sie in Verbindung bringt, malerisch ausdrücken oder nicht. Allein die Kunst bemüht sich, beides zu erreichen.“

Foto: Susan Karlebowski; Wildstaudenbeet im ÖBZ, sonnige Freifläche

Staudenbeete können auf unterschiedlichsten Standorten angelegt werden. Auch kleine Flächen und schmale Streifen, oder Hochbeete und Pflanztröge sind für bestimmte Wildstauden geeignet. Es ist wichtig Exposition, Nährstoffangebot und Bodenfeuchte zu berücksichtigen. Die Einteilung in verschiedene Lebensbereiche ist bei der Auswahl passender Arten eine gute Hilfe.

Lebensbereiche nach Prof. Dr. Sieber

Üblicherweise ordnet man Wildstauden verschiedenen Lebensbereichen zu – die Leitidee ist hier, die heimischen Pflanzengesellschaften, wie sie sich an natürlichen Standorten typischerweise entwickeln, bestmöglich nachzuahmen, um gute Wuchsbedingungen für die zugekauften Wildstauden zu schaffen. Beim Einkauf von Wildstauden helfen auch die Suchfilter von Staudengärtnereien, und die Kürzel, wie sie in der Abbildung unten verwendet werden. In den urbanen Gärten gibt es z.B. oft einen Randsaum mit größeren Bäumen und verschiedenen Gehölzen – diese Situation kommt dem Lebensbereich Gehölzrand am nächsten. Oft sind solche Lagen dadurch charakterisiert, dass es eine vollsonnige und wärmere und eine beschattete und damit kühlere Seite gibt. Dementsprechend kann man aus einer Vielzahl von Pflanzen auswählen – von Schattenpflanzen wie Farne bis sonnenliebende Glockenblumen. Die Bodenart spielt in der Natur eine ausschlaggebende Rolle. Tiefgründig humusreiche und lehmige Böden sind nährstoffreich und feuchter als weniger tiefgründige, durchlässige, magere Böden auf Kies oder Schotter. Dementsprechend entwickeln sich jeweils angepasste, sehr unterschiedliche Pflanzengesellschaften. Im Gartenbau kann man aber natürlich auch Einfluß auf das Substrat nehmen und hat somit mehr Gestaltungsfreiheit. Mit gartenbaulichen Maßnahmen kann man die verschiedensten Lebensbereiche auch auf kleiner Fläche bauen und so die urbanen Gärten zu Lebensinseln für eine große biologische Vielfalt umgestalten.

Pflanzplanung: Leitstauden als markante Punkte im Beet

Bei der Auswahl der Stauden unterscheiden Landschaftsarchitekt*innen oft zwischen Leitstauden, Begleitstauden und Füllstauden. Mit den Leitstauden, die besonders hoch und auffällig sein sein sollen, schafft man optische Achsen und Orientierung auf der Fläche. Sie werden als Mittelpunkte wahrgenommen und ziehen zuerst die Blicke auf sich. Meist werden sie einzeln oder maximal in Zweier- oder Dreiergruppen gepflanzt. Erst danach werden die sog. Begleitstauden gepflanzt. Sie sind nicht so groß und auffällig wie die Leitstauden, umrahmen diese aber und setzen weitere farbige Akzente.

Wenn noch freier Platz im Beet ist, kann man mit Füllstauden noch mehr Vielfalt und weitere Farbakzente pflanzen. Auch zarte und niedrige Frühblüher an den Rändern sind wunderschön und als erste Insektennahrung im Jahr besonders wertvoll. Die Auswahl von Pflanzen mit unterschiedlichen Blütezeiten sorgt dafür, dass das Beet viele Monate über blüht und Insektennahrung bietet.

Pflanzliste für das Wildstaudenbeet am Ackermannbogen. Lebensbereich Gehölzrand

Von der ersten Idee zum prächtigen Wildstaudenbeet

Am Anfang steht, glaube ich, die Begeisterung für bestimmte Wildblumen – oft sind damit auch Erinnerungen aus der Kindheit verbunden. Der zarte Duft von Veilchen und Wildrosen, die wunderschönen Pflanzen des Gebirges, mit ihren leuchtenden Farben… Um in euren urbanen Gärten geeignete Flächen für eure Lieblinge zu entwickeln, müßt ihr erstmal eine Bestandsaufnahme machen. Welche Lebensbereiche sind schon natürlicherweise vorhanden? Welche kann man bauen? Welche der Lieblingspflanzen passen dorthin, und mit welchen anderen Pflanzen kann ich sie kombinieren? Eine Staudenanpflanzung ist auch immer ein kreativer Akt: Kataloge der guten (BIO)-Staudengärtnereien oder Bücher von berühmten Landschaftsarchitekten, wie zum Beispiel „Gärten inspiriert von der Natur“ von Piet Oudolf und Henk Gerritsen, helfen beim Träumen und Planen.

Das BioDivHubs-Projekt hat durch viele Aktionen in den Gemeinschaftsgärten und in den vier Modell-Quartieren auch durch Kunstaktionen das Wissen und die Liebe zu den „schönen Wilden“ befördert. Unsere Postkarten zeigen zum Beispiel Nahaufnahmen von Pflanzen, die im Zuge des Balkonprojekts am Ackermannbogen von den Teilnehmer*innen auf den eigenen Balkonen gepflegt werden.

Für die Vorbereitung und die Anlage von Wildstaudenbeeten gibt der neue Maßnahmenkatalog „Gärtnern für mehr Biodiversität in der Stadt“ eine Schritt für Schritt Anleitung und viele Tipps für eine erfolgreiche Pflanzung.

Zum Katalog

Winteraspekt in die Planung miteinbeziehen

Foto: Ruth Mahla, Winteraspekt im Ökologischem Bildungszentrum München (ÖBZ)

Die abgestorbenen Stängel mit Samenständen bieten im Herbst und Winter eine ganz eigene fragile Ästhetik, die man mit in die Planung einbeziehen kann. Außerdem sind sie für Insekten und Vögel Unterschlupf und Nahrungsquelle und sollten deswegen unbedingt bis zum Frühjahr stehen bleiben dürfen.

Beim Schnitt im Frühjahr sollte man nicht alle Bereiche auf einmal schneiden, um temporäre Rückzugsräume zu belassen. Das Schnittgut – wertvolle Biomasse für Kompost und Mulch, kann man noch für ein paar Tage locker liegen lassen, bevor es gehäckselt oder kompostiert wird. Auf diese Weise haben an und in den Stängeln überwinternde Insekten noch eine Chance den Ort zu wechseln.

Haben sich Stauden erstmal entwickelt, hält sich eine Pflanzung viele Jahre. Dennoch bleiben Kontrollen mit kleinen Eingriffen und Jätaktionen ein- bis zweimal im Jahr notwendig, denn wenn sich bestimmte „Wurzel-Unkräuter“ ungestört entwickeln dürfen, wird es schwierig und sehr arbeitsintensiv, die Fläche wieder zu bereinigen.


Viele unterschiedliche Lebensräume auf kleiner Fläche

Blühflächen können auch gut mit anderen Biodiversitätsmaßnahmen kombiniert werden, beziehungsweise ineinander übergehen. Eine südexponierte Trockenmauer am Rande einer vollsonnigen Ruderalfläche, Totholz als Strukturelement und Lebensraum in einer Staudenpflanzung oder eine Benjeshecke als Übergang von Gehölzrand und Blühwiese… . Der Maßnahmenkatalog „Gärtnern für mehr Biodiversität in der Stadt“ gibt einen fundierten Überblick über die möglichen Maßnahmen und für welche Flächen sie sich eignen. Zum Katalog


Unterstützung aus dem Netzwerk für die Anlage von Blühflächen und anderen Biodiversitätselementen

  • Workshops zur Anlage von Blühflächen oder anderen Biodiversitätselementen können Urbane Gemeinschaftsgärten über uns buchen. Bitte meldet euch frühzeitig – am besten noch vor Weihnachten für einen Workshop im Frühjahr bei Ruth Mahla: info@urbane-gaerten-muenchen.de
  • eine genaue Beschreibung der Anlage der verschiedenen Blüh- und anderer Biodiversitätsflächen mit vielen weiteren Tipps findet ihr in „Gärtnern für mehr Biodiversität in der Stadt“. Zum Katalog.
  • Falls ihr nicht selbst tätig werden wollt: Bei Naturgarten e.V. findet ihr eine Liste der Fachbetriebe, die sich auf die Anlage von Naturgärten und Biodiversitätsstrukturen spezialisiert haben: https://naturgarten-fachbetriebe.de/karte/.
  • Aber auch beim Bau- und Gartencenter um die Ecke findet ihr oft Unterstützung in Form von Geräten und Maschinen zum Ausleihen.
  • Die Biodiversitätsberatung der Stadt München berät euch bei euren Vorhaben und gibt Auskunft über Fördermöglichheiten. Die Website zum Förderprogramm Biodiversitätsbausteine und der Biodiversitätsberatung erreicht ihr hier: muenchen.de/biodiv-foerdern; muenchen.de/biodiv-beratung.
  • Der Bund Naturschutz in Bayern e.V. bietet eine Umwelt- und Biodiversitätsberatung und unterstützt mit Saatgut und Pflanzaktionen. Telefonische Biodiversitätsberatung: Tel.: 089 / 51 56 76 – 66 , Mi. 9:00 Uhr bis 11:00 Uhr; Ansprechpartnerin: Julie Weissmann: E-mail: julie.weissmann@bn-muenchen.de

Fotos: Susan Karlebowski, Konrad Bucher, David Schoo, Ruth Mahla;

Illustrationen: Valentina Arros;

Text zusammengestellt von Ruth Mahla


Weitere Quellen aus dem Internet:


Wiesen und Weiden

Vorab: Auch wenn wir in einer bunt blühenden Wiese den Inbegriff eines natürlichen Lebensraumes sehen – Wildblumenwiesen mit ihrer ganzen faszinierenden Artenvielfalt sind ein Kulturgut, das ohne regelmäßige Pflege und Mahd nur kurz bestehen würde.

In den mittleren Breiten gibt es keine dauerhaften natürlichen Wiesen, außer die Salzwiesen in Küstennähe und den alpinen Matten oberhalb der Baumgrenze. Ohne regelmäßige Mahd oder Beweidung würde der Lebensraum Wiese im Laufe der Zeit von Büschen und Bäumen besiedelt und in Wald übergehen (Sukzession). Einer der schönsten und wichtigsten Lebensräume unserer Heimat ist also in Folge der traditionellen bäuerlichen Nutzung und Kulturentwicklung entstanden – und sollte auch als solcher gewürdigt und erhalten werden.

Angelegte Blühwiese (im 3. Jahr) vor dem Stadtacker am Ackermannbogen

Bei schonender Nutzung und Pflege, vorallem, wenn Überdüngung vermieden wird, beherbergen Wiesen eine enorme Artenvielfalt. Mehr als ein Drittel aller heimischen Pflanzenarten haben dort ihr Hauptvorkommen. Von den gefährdeten Pflanzen wachsen sogar rund 40 Prozent auf Grünland. Die typischen Gräser, Kräuter und Wildblumen der Wiesen und Weiden haben sich der Bewirtschaftung besser angepasst als andere Pflanzen. So ertragen Pflanzen mit bodennahen Blattrosetten wie Gänseblümchen oder Margeriten den Schnitt sehr gut. Der regelmäßige Eingriff des Menschen befreit sie von Konkurrenten, die ihnen sonst Licht und Nährstoffe streitig machen würden.

Aber nur Wiesen und Weiden, die extensiv bewirtschaftet werden, d.h. nur ein- bis maximal dreimal im Jahr gemäht, nur wenig oder nicht gedüngt werden und nur von einer verträglichen Anzahl von Tieren beweidet werden, bleiben dauerhaft artenreiche und für die Biodiversität bedeutende Lebensräume.

Je nach Art und Intensität der Nutzung und Verschiedenartigkeit von Exposition, Klima, Bodentyp, Hangneigung und Höhenlage – können sich etliche (in Deutschland ca. 60) spezielle Wiesentypen, sog. „Grünland-Biotoptypen“ herausbilden, denen aber allen gemeinsam ist, dass Sie regelmäßig gemäht werden, um das wertvolle Gras oder Heu an Tiere zu verfüttern. (Referenzliste der Biotoptypen Deutschlands)

Wichtige Wiesentypen in Bayern

  • Alpine Matten und Bergwiesen
  • Feucht- und Fettwiesen
  • Trocken- und Magerrasen
  • Streuwiesen
  • Streuobstwiesen

Löwenzahnmonokultur – kein gutes Zeichen

Während extensiv bewirtschaftete Wiesen und Weiden Lebensraum für viele Tiere, wie Vögel und Frösche, Heuschrecken und Spinnen, Käfer und unzähliche Insektenarten sind, setzt sich die sog. „Einheitsfettwiese“ immer mehr durch. Durch intensive Düngung und häufiges Mähen verschwinden alle Kräuter und Wildblumen, die mit der Stickstoffflut nicht zurechtkommen und es entstehen die gelben Löwenzahnwiesen und artenarmen „Grasäcker“, die zwar viel Biomasse, aber kaum mehr gesunde Kräuterkost für die Nutztiere liefern. Auf diesen Produktionsflächen geht die Doppelfunktion von bäuerlicher Vieh- und Weidewirtschaft und Schutz der biologischen Vielfalt und der naturnahen Lebensräume völlig verloren. Wie in jeder anderen Monokultur auch, nimmt hier die Artenvielfalt immer weiter ab – einer der Gründe, warum in Deutschland die Städte oft eine höhere Artenvielfalt verzeichnen als das intensiv agrarindustriell genutzte Land.

Dieser Schwund ist nicht nur eine Katastrophe für den Artenschutz, sondern auch ein trauriger Verlust für uns Menschen. Wir verlieren mit der geliebten Kulturlandschaft Heimat und Verwurzelung und auf Dauer auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Und das, obwohl die Problematik in Politik und Landwirtschaft ausreichend bekannt ist und viele gute Programme für den Schutz der Kulturlandschaft und speziell auch der extensiven Bewirtschaftungsformen in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden.

Wenn wir alle Fleisch nur noch aus extensiver Weidehaltung konsumieren und damit die Landwirte, die sich für eine naturnahe und verantwortungsvolle Bewirtschaftung der Kulturlandschaft entschlossen haben, unterstützen würden, wäre schon sehr viel gewonnen. Denn meist rührt der Zwang zur Überdüngung (Odel) aus dem unangepasst großen Viehbestand, der den Hof erst wirtschaftlich profitabel macht. Solange Folgeschäden, wie die Nitratbelastung des Grundwassers und Artenschwund sich nicht in den Preisen an der Fleischheke abbilden, was unsere Gesetzgebung immer wieder verhindert, wird sich an diesen pervertierten System nichts ändern. Die pauschale Verurteilung der Fleischwirtschaft und Propagierung von Veganismus für alle bringt hier auch nicht weiter.

Weidetiere und Biodiversität

Bergweide im Karwendel

Weidetiere sind ein Schlüsselfaktor zur Begrenzung des Verlust der Biodiversität und der Stabilisierung der Grünland-Ökosysteme. Rinder können für Menschen nicht verdauliches Gras in Fleisch und Milch umwandeln, tragen damit zu nachhaltiger und regionaler Versorgung bei. Je biodiverser eine Wiese oder Weide auf den vielen Grenzertragsflächen in Bayern, desto stabiler das Ökosystem und damit auch der Ertrag auf sonst unproduktiven oder nur mit viel mehr Ressourceneinsatz zu nutzenden Flächen. Gerade Bergweiden sind oft ein Hot-Spot der Artenvielfalt und beherbergen oft viele Rote-Liste Arten.

Große Mengen an Kohlenstoff werden über die Wurzeln von Gras, Blumen und Wiesenkräutern unterirdisch im Boden gespeichert – und je mehr verschiedene Pflanzenarten mit unterschiedlicher Wurzeltiefe- und Breite vergesellschaftet sind, desto mehr Kohlenstoff wird dauerhaft festgelegt und desto stabiler das System.

Unter Grasland befinden sich weltweit etwa 50 Prozent mehr Kohlenstoff als unter Waldböden. Grünland ist die wichtigste terrestrische Kohlenstoffsenke und hat damit eine bedeutende Rolle im nationalen und internationalen Klimaschutz.

Verantwortungsvoller Fleisch- und Milchkonsum in Mengen und zu Preisen wie zu Omas Zeiten ist ein genussvoller und gesunder Beitrag zu Arten- und Klimaschutz und zum Erhalt einer bäuerlichen Kulturlandschaft, in der wir uns wohl und beheimatet fühlen können.


Quellen:

https://www.bund-naturschutz.de/natur-und-landschaft/wiesen-und-weiden-in-bayern/lebensraum-wiese,

https://schweisfurth-stiftung.de/tierwohl/gruenland-und-weidetieren/

Anita Idel: Die Kuh ist kein Klima-Killer!: Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können (Agrarkultur im 21. Jahrhundert) Taschenbuch – 24. April 2024


Text und Bilder: Ruth Mahla

Frühblühende Zwiebelpflanzen

2024 gab es eine große Pflanzaktion auf dem Gelände des Ökologischen Bildungszentrums (ÖBZ). Konrad Bucher und das Team des ÖBZ erklärten den vielen Freiwilligen die notwendigen Arbeitsschritte: Erdlöcher ausheben, Zwiebeln mit der Triebspitze nach oben in eine bestimmte Tiefe setzen – nährstoffreiche Komposterde ins Pflanzloch geben und dann das Loch wieder locker mit der ausgehobenen Erde ausfüllen.

Die frühblühenden Zwiebelpflanzen sind nicht nur bunt und schön fürs Auge, sondern wichtig für die Insektenwelt sind: Sie brauchen diesen ersten Pollen und Nektar im Frühjahr ganz dringend als Nahrung.
Vorallem die Wildbienen sind auf spezielle einheimische Blütenpflanzen angewiesen, denn sie sind „Feinschmecker“. Anders als die Honigbienen, die viele verschiedene Blüten als Nahrungsquelle nutzen können – sind die meisten Wildbienenarten, aber auch viele Schmetterlinge, sogenannte Spezialisten: Sie brauchen eine ganz bestimmte Pflanzenart, um überleben zu können. Wenn solche Pflanzenarten verschwinden, verschwinden mit ihnen die Wildbienen und Falter.

Das schöne Buschwindröschen ist zum Beispiel Nahrungsquelle für 18 Wildbienenarten.

560 verschiedene Wildbienenarten gibt es in Deutschland und alle sind auf die einheimischen Pflanzen als Nahrungsquelle angewiesen.

Überlebensstrategie „früher blühen“

Jetzt muss noch die Frage geklärt werden, warum denn viele dieser früh blühenden Arten eine Zwiebel haben und auch im Auwald, an Waldrändern – am Rande von Hecken – also im Schatten so herrlich bunt blühen.

Das Besondere an den Frühblühern ist die kurze Stoffwechselphase. Sie blühen nur kurz, bilden schnell ihre Früchte aus und sind kurz darauf verschwunden. Aber wieso, fragt man sich, schließlich fängt doch das schöne und warme Wetter nun erst richtig an?

Bäume und Hecken beschatten im Sommer den Waldboden so stark, dass beispielsweise das Buschwindröschen keine Chance mehr hätte, ausreichend Licht für die Photosynthese zu bekommen. Im Laufe der Evolution haben sich die Pflanzen des Waldbodens aber eine ökologische Nische gesucht, in der sie überleben können. Sie nutzen das Sonnenlicht, das im zeitigen Frühjahr bis auf den Waldboden fällt, weil die Laubbäume noch kahl sind und viel Licht durchlassen. Mit Nahrung sind die Frühblüher bestens versorgt, denn was sie zum Austreiben und Blühen brauchen ist in ihren unterirdischen Speicherorganen, den Zwiebeln, Rhizomen oder Knollen eingelagert.

Nach der kurzen Blüte haben die Pflanzen wieder genügend Speicherstoffe für das nächste Jahr gesammelt und in den Zwiebeln gespeichert. Sie ziehen danach meist vollständig ein und warten im Waldboden auf ihren Auftritt im nächsten Frühjahr.

Andere Frühblüher-Arten blühen zu so einem frühen Zeitpunkt im Jahr, da sie an sommertrockenen Standorten wachsen. Im Sommer wäre nicht genügend Wasser für die ressourcenzehrende Blüte vorhanden, im zeitigen Frühjahr können sie noch aus dem Vollen schöpfen.

Um Nachtfrost und Kälteeinbrüche zu überstehen, haben bestimmte frühblühende Arten „Frostschutzmittel“ entwickelt. Schneeglöckchen lagern zum Beispiel Salze ein, die verhindern, dass das Wasser in ihren Knollen, Blättern oder Trieben gefriert.

Kurze Pflanzenporträts

Die Diva: Märzenbecher Leucojum vernum

Foto
Foto: Marc Haug

Der Märzenbecher ist eine richtige Diva, sprich eine schwierige Pflanze, die nicht so leicht anwächst. Die Zwiebeln trocknen leicht aus, und sterben ohne Erde. Deswegen wurden sie nach der Lieferung in kleinen Töpfen mit Erde versorgt und sind schon ausgetrieben. Wegen der zarten Würzelchen muss man sehr vorsichtig mit ihnen umgehen. 6 Zwiebeln setzen wir ca. 10 cm tief in ein großes Spatenloch, das mit etwas Kompost angereichert wurde. Wir setzen die Märzenbecher an 2 ganz unterschiedliche Stellen – auf der Wiese und mitten im Gehölz.

Eigentlich brauchen sie ja schattige Standorte. Es soll aber untersucht werden, wo sie sich besser entwickeln. Leider wird das erst im übernächsten Jahr klar werden, denn die Diva läßt sich viel Zeit mit ihrer Entwicklung und blüht erst im zweiten Jahr.

Das Buschwindröschen Anemone nemorosa

Foto: Martin Lell

Das zarte Buschwindröschen setzt man nur 3 – 5 cm tief in möglichst feuchten und nährstoffreichen Boden mit lockerer Laubmulchschicht, bevorzugt am Rande von Buchengruppen. Es blüht von März bis April; vom Vorfrühling bis zum Frühsommer mit grünen Blättern, dann werden die Blätter eingezogen.

Es ist nicht nur Nahrungspflanze für 18 Wildbienenarten, sondern auch für 4 Schmetterlingsarten, 8 Schwebfliegenarten und eine Käferart.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt.

Das Gelbe Windröschen Anemone ranunculoides

Foto: Ruth Mahla

Das gelbe Windröschen ist wie das weiße Buschwindröschen einheimisch, ungefährdet, und nicht besonders geschützt und kommt vor allem in Bruch- und Auenwäldern sowie in feuchten Laubwäldern, also vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen vor.
Es ist für kurzrüsselige Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer, Fliegen eine wichtige Nahrungspflanze und blüht etwas später als das weiße Buschwindröschen.

Der Frühlings-Krokus Crocus vernus

Foto: Konrad Bucher

Diese besonders beliebte und bekannte Art wächst auf durchlässigen, nährstoffreichen Boden, gerne auch auf sonnigen Wiesen und im menschlichen Siedlungsbereich. Blütezeit ist von Februar bis März. Der Frühlings-Krokus ist nicht heimisch, aber dennoch Nahrungsquelle/Lebensraum für 4 Wildbienenarten, z.B. die gehörnte Mauerbiene. Die Art ist ungefährdet, aber durch das Bundes naturschutzgesetz (BNatSchG:) besonders geschützt.

Der Zweiblättrige Blaustern Scillabifolia

Foto: Martin Lell

Der Zweiblättrige Blaustern wächst sowohl an sonnigen, wie auch an halbschattigen Stellen auf feuchten Wiesen und Weiden, Bruch- und Auenwäldern, Laub- und Tannenwäldern.
Schwebfliegen, Bienen, Falter bestäuben ihn und er ist wichtige Nahrungspflanze für die gehörnte Mauerbiene und die gewöhnliche Schmalbiene.
Die einheimische Pflanze blüht im März und April, ist ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt. Man sollte die Zwiebelchen 5 -10 cm tief setzen.
In Parks ist meist der angepflanzte Sibirische Blaustern zu finden.

Das Schneeglöckchen Galanthus nivalis

Foto: Ruth Mahla

Schneeglöckchen blühen von Februar bis März und kommen in Bruch- und Auenwäldern, auf nährstoffreichen, feuchten Böden, oft im Wald, aber auch in Gärten vor.
Es ist ebenfalls wichtige Nahrungspflanze für die gehörnte Mauerbiene und die gewöhnliche Schmalbiene. Der grüne Fleck auf den Blütenblättern dient als Orientierungssignal für Insekten, das diese zu Nektar und Pollen führt.
Die einheimische Art ist auf der Vorwarnliste und durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Gefingerter Lerchensporn Corydalis solida

Foto: Konrad Bucher

Der Lerchensporn blüht von März bis April in Laub- und Auenwäldern, aber auch auf Obstwiesen und in Weinbergen, vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen. Er bevorzugt feuchte, leichte, lockere mullreiche Lehmböden.
7 verschiedene Wildbienenarten, 3 Schmetterlingsarten und eine Schwebfliegenart brauchen ihn als Nahrungspflanze.
Er ist einheimisch, ungefährdet und nicht besonders geschützt.


Gartentipps

Es gibt eine Vielzahl insektenfreundlicher Frühblüher. Besonders geeignet sind verwildernde Arten, die zwar kleiner als hochgezüchtete Sorten sind, sich aber selbst aussamen und mit der Zeit bunte Teppiche im Frühjahr bilden. Unsere heimischen Wildarten sind viel wertvoller für die heimische Insektenwelt und deswegen immer den hochgezüchteten und oft auch gefüllten Arten vorzuziehen.

Im Fachhandel hat sich der Begriff „botanische Arten“ eingebürgert. Neben den reinen Wildarten sind damit aber auch Mutationen von Wildarten und Auslesen aus der Wildart gemeint. Erkennbar sind diese am angehängten Sortennamen in einfachen oberen ‚Anführungszeichen‘.

Oft hört man auch den Begriff „Stinsenpflanzen“ in diesem Zuammenhang: Dies sind vom Menschen im Siedlungsbereich, meist in Gärten schon seit langen eingeführte und anschließend verwilderte Pflanzen, die so zu einem Bestandteil der natürlichen Vegetation wurden.

Wenn möglich, bitte auch die Frühlingsgeophyten-Zwiebeln bei Biogärtnereien kaufen, bzw. bestellen. Anders als beim Gemüsesaatgut stammen auch diese Zwiebeln oft aus konventionellen Anbau, was aber bei guten Biogärtnereien immer ausdrücklich vermerkt ist. Meist liegt es daran, dass das knappe Angebot von biologisch vermehrten Frühblühern ab einem bestimmten Zeitpunkt ausverkauft ist.

Pflanzen, wenns kalt wird – so gehts:

Am Besten pflanzt man im späten Herbst, wenn der Boden schon auf 10 Grad Celsius abgekühlt ist und kein keine Warmwetterperiode angekündigt ist. Denn die Zwiebeln sollen möglichst nicht vor dem nächsten Frühjahr austreiben. Das würde ihre Nährstoffvorräte dezimieren und sie schwächen.

  • Vorbereitung des Bodens: Den Boden gründlich lockern und Unkraut entfernen. Etwas Kompost hinzufügen.
  • Pflanztiefe beachten: Faustregel: Zwiebeln oder Knollen doppelt so tief in die Erde stecken, wie sie hoch sind, die Spitze soll natürlich nach oben zeigen.
  • Abstand einhalten: Zwiebeln oder Knollen mit ausreichend Abstand platzieren, um genügend Raum für das Wachstum zu bieten.
  • Einpflanzen und Angießen: Zwiebeln oder Knollen mit Erde zudecken und leicht andrücken. Bei Trockenheit anschließend gießen.
  • Pflanzstelle markieren

Weitere häufige Frühblüher

Foto: Ruth Mahla

Winterling Eranthis hyemalis
kommt in lichten Gebüschen, in feuchten Laubwäldern, oft auch in Parks und auf nährstoffreichen Böden vor.
Wertvoll für Schwebfliegen, Bienen, Falter.
Blühzeiten: Februar – April
Stinsenpflanze: etabliertes (neophytisches) Vorkommen, nicht besonders geschützt.

Foto: Ruth Mahla

Gewöhnliches Leberblümchen Hepatica nobilis
Kommt vor allem in Laub- und Tannenwäldern vor, bevorzugt mäßig feuchte und warme Standorte. Es wächst auch auf verdichteten Böden, solange es darin nicht im Wasser steht und kommt selbst mit strengsten Frösten gut zurecht.
Bestäuber: 18 Wildbienenarten, 3 Schwebfliegen-Arten, Käfer und Fliegen.
Blühzeiten: März, April ; ist im Gegensatz zu den meisten Frühblühern immergrün.
Status: einheimisch, ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Foto: Ruth Mahla

März-Veilchen Viola odorata
Oft an Waldrändern und auf Waldlichtungen zu sehen, an trockenen, stickstoffreichen Standorten, vorwiegend außerhalb von Städten.
Bestäuber: Bienen.
Blüht im März und April und ist immergrün.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt

Scharbockskraut Ranunculus ficaria
Das Scharbockskraut bevorzugt einen halbschattigen, nahrhaften und leicht feuchten Boden. Im Sommer kommt es aber dank seiner Wasservorräte in den Knöllchen auch mit Trockenheit zurecht. Vielerorts der erste Frühblüher.
Bestäuber: kurzrüsselige Bienen, Schwebfliegen, Falter.
Blühzeiten: März – Mai.
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt

Hohe Primel/Hohe Schlüsselblume Primula elatior
Meist auf Feuchtwiesen, in Bruch- und Auenwälder sowie Laub- und Tannenwälder. Weitgehend an Wald gebunden, vorwiegend außerhalb menschlicher Siedlungen, auf nährstoffreichen Böden.
Zieht vor allem Hummeln und Tagfalter an.
Blüht von März bis Mai und hat nur in der wärmeren Jahreszeit grüne Blätter.
Status: einheimisch, ungefährdet, aber durch das BNatSchG: besonders geschützt.

Wald-Gelbstern Gagea lutea
Kommt auf Wiesen und Weiden vor, in Bruch- und Auenwäldern und in feuchten Laubmischwäldern.
Bestäuber: Schwebfliegen, Bienen, Falter.
Blühzeiten: April, Mai
Status: einheimisch, ungefährdet, nicht besonders geschützt.
Die Gelbsterne sind nicht mit den Blausternen verwandt. Sie gehören zu den Liliengewächsen, die Blausterne zu den Spargelgewächsen.


Text: Ruth Mahla; Bilder: Marc Haug, Martin Lell, Konrad Bucher, Ruth Mahla

Benjeshecken

Zwar kennt man die Totholzhecken heute unter dem Namen „Benjeshecken“, nach Hermann Benjes, einem Landschaftsgärtner, der in den 1980er Jahren ein Flurbelebungskonzept mittels Feldhecken beschrieb. Aber sie sind ein uraltes Element in unseren Kulturlandschaften. Bauern lagerten ihr Schnittgut schon immer als Grenzmarkierung zwischen Weide- und Ackerland ab. Diese Einfriedungen boten viele Vorteile: Schutz vor Winderosion und Erhalt einer höheren Artenvielfalt. Auch in Frankreich, Belgien und England kennt man diesen durch Hecken geprägten Landschaftstyp (Bocage in Frankreich), wobei ihn je nach vorhandenen Material, auch Lesesteinwälle, Wallhecken und Knicks dominieren.

In Norddeutschland heißen die grünen Bänder Knicks. Bei ihnen handelt es sich meist um mit Sträuchern und Bäumen bestandene Erdwälle, die über Jahre hinweg wild wachsen und einzigartige Ökosysteme für zahlreiche Pflanzen und Tiere darstellen. Der Begriff „Knick“ leitet sich von dem Knicken von Zweigen und dünneren Ästen ab, was Höhen- und Breitenwachstum begrenzen soll.

Für eine Benjeshecke wird Totholz (Wurzel- und Stammteile, Äste, Zweige, Reisig) in Streifen oder als Wall locker gestapelt. Zwischen zwei Reihen von Pfählen werden Äste unterschiedlicher Dicke aufgeschichtet. So entstehen mehr oder weniger dichte, zaunartige Hecken. Baumstümpfe, Laub oder auch Rasenschnitt können mit verwendet werden.

Nach und nach werden die gebauten Hecken von den verschiedensten Tieren besiedelt: Vögel bauen darin ihre Nester, Igel finden Unterschlupf, und auch für etliche andere Arten bieten sich darin geschützte Winterquartiere. Außerdem ist es ein wahrer Tummelplatz für unzählige Käferarten, Regenwürmer, Asseln, Spinnen und Insekten. Man schätzt, dass ca. 8000 Arten (Pflanzen, Tiere, Pilze) auf Totholz als Habitat und Nahrungsquelle angewiesen sind.

Die ökologischen Funktionen dieser Hecken sind vielfältig und ähnlich wie bei anderen Totholz-Habitaten auch: Sie dienen als Unterschlupf, Nistplatz und Nahrungquelle. Sie wirken sich gut auf das Mikroklima aus, schützen die Umgebung vor Winderosion und verringern den Wasserverlust durch Beschattung und Verringerung der Verdunstung am Boden. Durch die Verrottung des liegenden Totholzes wird die Bodenstruktur durch Kohlenstoff-Anreicherung erheblich verbessert und es kann Humus aufgebaut werden.

Unser Gehölzschnitt trägt so zur Rekarbonisierung der Böden bei. Klimaschädliche Transportwege oder gar CO2-Emissionen durch Verbrennen entfallen.

Mit den Jahren begrünt sich die Hecke von selbst. Im Vogelkot abgesetzte Samen keimen, einige der verbauten Äste treiben aus und allmählich entsteht ein biodiverses kleines Ökosystem mit Licht- und Schattenzonen.


Benjeshecken-Workshop im Ökologischen Bildungszentrum (ÖBZ)

Einen ausführlichen Foliensatz zum Workshop von Konrad Bucher findet ihr hier

Angerottete Stämme und dicke Äste als Boden

Angerottete Stämme als Boden bieten zahlreiche Hohlräume und damit Lebensraum für viele Bodentiere, Pilze und Flechten.

Diese beschleunigen den Zersetzungsprozess und lassen nährstoffreichen Humus entstehen.

Bau einer Benjeshecke beim Workshop im ÖBZ

Die Robinienstämme sind in einem schönen Schwung im Boden verankert worden.

Benjeshecken können auch als kreative Land-Art-Elemente gestaltet werden. Die Akzeptanz der in aufgeräumten Gärten noch unüblichen Naturgarten-Elemente kann damit erhöht werden.

Helle Berberitzenäste sorgen für ein attraktives Streifenmuster

Beim Auffüllen mit verschieden farbigen Schnittgut entsteht ein attraktives Streifenmuster.


Literatur:

WERNER DAVID, 2020. Lebensraum Totholz: Gestaltung und Naturschutz im Garten. 4. Auflage. pala verlag gmbh

HERMANN BENJES, 1994. Die Vernetzung von Lebensräumen mit Feldhecken. 4., überarb. u. erw. Auflage. Natur & Umwelt-Praxis – Band 1. Bonn: Natur & Umwelt Verlag.


Text und Fotos: Ruth Mahla;

Lebensraum Totholz

Kaum ein anderer Lebensraum weist eine vergleichbare strukturelle Vielfalt auf und bringt einen so großen Artenreichtum hervor wie abgestorbene Bäume in ihren verschiedenen Verfallsphasen. Je nach Standort, Holzart und Exposition, ob Wurzel, Stamm, Borke, Rinde, Zweige, Zapfen und je nachdem wie das Holz eingebaut wird (stehend, liegend, auf Haufen oder als Wälle geschichtet), stellt es einen einzigartigenLebensraum für eine Fülle von Lebewesen dar. Deswegen sind die von Ökologen oft verwendeten Begriffe „Biotop- oder Habitatholz“ bezeichnender.

Der Anteil von Totholz an der gesamten Holzbiomasse in einem Urwald in Mitteleuropa liegt bei 10–30 Prozent, in Wirtschaftswäldern macht dieser Anteil häufig nur noch 1–3 Prozent aus. Für eine nachhaltige Waldwirtschaft, sowie für Natur- und Artenschutz brauchen wir viel mehr Habitatholzelemente – stehend und liegend, in allen Zerfallsphasen.


Habitatholz

Jeder Habitatholztyp birgt charakteristische Lebensgemeinschaften und viele Rote-Liste-Arten sind auf diese speziellen Lebensräume angewiesen

An jede Zersetzungsphase sind spezialisierte Lebewesen gebunden: In der Pionierphase dringen erste Organismen wie Bock-, Borken- und Prachtkäfer sowie Holzwespen in den Holzkörper ein und ernähren sich von Rinde und Splintholz. Die Bohrlöcher von Larven fördern das Eindringen von Pilzen und weiteren Insekten. Pilze sind in der Lage Lignin und Zellulose, die Bestandteile des Holzes, abzubauen und aufzuschließen. Wenn die Myzelien, die Pilzfäden verschiedener holzbesiedelnder Pilze, den Stamm komplett durchwuchern, wird dieser immer weicher und morscher. Das Totholz erreicht einen zunehmenden Zersetzungsgrad, das Pilzgeflecht durchdringt das Holz und bildet wiederum die Nahrungsgrundlage zahlreicher Totholzinsekten wie Buntholzkäfer und Holzwespen, Fliegen und Mücken, Ameisen und Schmetterlingen. Diese locken ihrerseits wieder räuberische Nachfolger an, z.B. Feuer- und Schnellkäfer und verschiedene Wespenarten.


Holzbesiedelnde Pilze

In noch stehenden, besonnten Stämmen picken Spechte auf der Suche nach Proteinen die Stämme an und hämmern Höhlen für ihren Nachwuchs. Diese Höhlen werden von vielen weiteren Insekten, aber auch Vögeln wie Hohltauben, Kleibern, Meisen, Eulen, Staren und Säugetieren wie Fledermäusen, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Mäusen, Baummardern, Wildkatzen u.v.m. genutzt.

Solche Höhlen können sich zu inneren Mulmkörpern in den Stämmen entwickeln, die einen speziellen Lebensraum für weitere Arten bilden. Diesen mürben Holzmulm bzw. dessen Hauptbestandteile Zellulose und Lignin werden von Pilzen und Bakterien humifiziert und mineralisiert. Das gesamte Bodenleben – Zersetzer und Räuber – bestehend aus Bakterien, Algen, Pilzen, Flechten, Geißeltierchen, Amöben, Wimpertierchen, Milben, Springschwänzen, Asseln, Fadenwürmern, Borstenwürmern, Regenwürmern, Insekten, Spinnen, Schnecken, Tausendfüßlern hinterlässt durch seine Ausscheidungen wertvollen Humus und Mineralstoffe, die den Nährboden für die kommende Baum- und Strauchgeneration bilden.

Holzmulm in einem hohlen Stamm
Holzmulm in einem hohlen Stamm

Auch hier begleiten spezialisierte Schnecken- und Insektenarten, aber auch Amphibien und Reptilien, diese letzte Phase im Leben eines Baumes. Die Erdkröte und die Waldeidechse suchen z.B. liegendes Totholz zum Sonnenbaden oder zum Überwintern auf. Auch Blindschleichen und Kreuzottern besetzen Baumhöhlen in Bodennähe gerne zum Überwintern und als Nistplatz

Mikroklimatische Besonderheiten von Totholz

Neben dem biologischen Reichtum ist das Habitatholz auch wichtig für den Erosionsschutz, das Mikroklima, die Wasser- und Nährstoffspeicherung und die Bodenbildung, die C02-Bindung im Kontext des Klimawandels, die Sauerstoffproduktion und die Luftfilterung.

Am Boden liegendes Totholz wirkt ausgleichend auf das Mikroklima in der Umgebung. Einerseits führen die dunkle Oberfläche sowie die geringe Wärmeleitfähigkeit von Holz dazu, dass es am und im Holz wärmer ist. Andererseits kann Totholz seine unmittelbare Umgebung auch vor Hitze schützen, da es infolge des erhöhten Wassergehaltes Temperaturschwankungen ausgleichen kann. Dadurch trocknet der Boden der Umgebung weniger rasch aus.

Schutz der wertvollen Habitatholz-Lebensgemeinschaften

Nur in Sachsen werden „höhlenreiche Einzelbäume“ und „totholzreiche Altholzinseln“ explizit geschützt.

In allen anderen Bundesländern besteht nur ein indirekter Schutzstatus, wie z.B. bei Streuobstwiesen, Wallhecken, Flurgehölzen und Bruchwäldern. Ein Schutz ist weiterhin über die FFH-Richtlinie (Lebensräume bedrohter Arten/4) oder nach Einzelanordnung oder -ausweisung zu erreichen.

Forstwirtschaft

Der inklusionistische Ansatz der Forstwirtschaft in Deutschland möchte den wirtschaftlichen und den gesellschaftlichen Nutzen, sowie alle ökologischen Funktionen, auch den Naturschutz, auf denselben Flächen realisieren. Deswegen wird ein großer Teil der Waldfläche Deutschlands forstwirtschaftlich genutzt und die ökologischen Belange dabei nicht genügend beachtet. Die meisten Bäume werden gefällt, bevor sie den natürlichen Alterstod sterben könnten. Die typischen Alters– und Zersetzungs-phasen fallen meist aus. Insbesondere der angestrebte Kronenschluss im Altersklassenwald verhindert das Entstehen von Lichtungen mit stärkerer Sonneneinstrahlung und damit die Vielfalt unterschiedlicher Lichtmosaike und Zersetzungsbedingungen.

Lange Zeit wurde aus Mangel an Brennmaterial der Wald „sauber“ gehalten, später kam die Ansicht dazu, den im Totholz lebenden „Schädlingen“ vorbeugen zu müssen.

Inzwischen gibt es eine Totholzempfehlung in der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung, die jedoch im föderalen System keine unmittelbare Gesetzeskompetenz besitzt.

Im Rahmen der Nationalen Biodiversitätsstrategie sollen 5% der Waldfläche in Deutschland dauerhaft unbewirtschaftet bleiben, was derzeit aber nicht einmal in Nationalparks verwirklicht wird. Es gibt aber zahlreiche Projekte und Förderungen des BfN, die auch den Lebensraum Totholz im Blick haben:

Bioholzprojekt

Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 – Diskussionsvorschläge des BMUV

In den Forstrahmenplänen und Landschaftsplänen wird versucht, die Interessen von Naturschutz, Biodiversitätsschutz und Forstwirtschaft miteinander in Einklang zu bringen. Aufgrund der enormen Bedeutung für Waldökosysteme ist das Vorhandensein von Totholz ein wichtiges Kriterium. Für die Zertifizierung nachhaltiger Forstwirtschaft muss ein kleiner Prozentanteil der Fläche aus der Nutzung genommen werden und es gibt Leitlinien zum Erhalt eines Minimums starker toter Bäume .

Auf der Website der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft kann man sich über ein Naturschutz- und Forschungsprojekt zur Totholzanreicherung der TU München zusammen mit den Bayerischen Staatsforsten informieren: „Mehr Artenvielfalt durch mehr Totholz“

Totholz-Ersatzhabitate

Deswegen ist es unbedingt erforderlich, Ersatzhabitate in Wäldern, Grünanlagen und Gärten – auch in städtischen Quartieren – mit Laub, Gehölzschnitt, Wurzeltellern, Baumstämmen und -Scheiben zu schaffen.

Aus Gehölzschnitt lassen sich z.B. Benjeshecken als Sichtschutz und Gestaltungselement herstellen. Abgesägte Stämme können angelehnt oder eingegraben, natürliches stehendes Totholz nachahmen. Ein besonders dekorativer Blickfang und zugleich wertvoller und vielfältiger Lebensraum ist der mit einheimischen Wildarten bepflanzte Wurzelgarten, oder „stumpery“. Die vielen unterschiedlich exponierten Hohlräume schaffen Lebensräume für Sonnenanbeter wie für Schattenliebhaber.

Einen guten Überblick über natürliche und gebaute Totholzlebensräume in Wald und Garten geben u.a. diese Websites und Bücher


Text und Bilder: Ruth Mahla