Vom Grünbuch zum Weißbuch

Auf dem Kongress „Grün in der Stadt“ am 10. und 11. Juni 2015 wurde das Grünbuch Stadtgrün der Öffentlichkeit vorgestellt. Die integrierte Entwicklung von Stadtgrün erfordert kooperative und interdisziplinäre Verfahren. Daher können tragfähige Strategien nur entstehen, wenn es gelingt, viele Partner aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Stadtentwicklung, Naturschutz, Gartenbau, Landwirtschaft, Ressourcenmanagement und Landschaftsplanung, aber auch Immobilienwirtschaft und zivilgesellschaftlichem Engagement zusammen zu bringen. Das Grünbuch Stadtgrün fasst erstmalig und ressortübergreifend den aktuellen Wissensstand zum urbanen Grün zusammen. 

Die Veröffentlichung des Grünbuchs war der Auftakt für einen längeren Prozess, mit dem neue, integrierte Strategien für das urbane Grün entwickelt und umgesetzt werden. In einem Weißbuchprozess zum Stadtgrün soll nun ein breiter Dialog über den zukünftigen Stellenwert von Grün- und Freiflächen in unseren Städten angestoßen werden. Dazu wird der Bund im Rahmen seiner Zuständigkeiten Handlungsempfehlungen und Möglichkeiten der Umsetzung formulieren. Die Erstellung erfolgt in Abstimmung mit Ländern, Kommunen, Verbänden, Zivilgesellschaft, Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis und weiteren Akteuren.

Das Weißbuch soll im Frühjahr 2017 vorgestellt werden.

https://www.gruen-in-der-stadt.de/

Einfach ist mehr … wenn´s nicht Aldi ist

Statement des Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor zum Musikvideo “Einfach sein” im Rahmen der Aldi Werbekampagne “Einfach ist mehr”

Liebe Freund*innen und Feinde des urbanen Gärtnerns,

Die Discounter Aldi Süd und Aldi Nord greifen in einem Werbespot eine ganze Bewegung an, die sich für vielfältige, gesunde, ökologische und fair produzierte Lebensmittel einsetzt. Sie benutzen dabei ohne unsere Zustimmung den Berliner Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor als Kulisse, um die Botschaft von einer vermeintlich “nutzlosen Vielfalt“ zu verbreiten.

Der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld erfreut sich seit seiner Gründung großer Beliebtheit. Gemeinsam haben viele Hundert Menschen in ihrer Freizeit ein Stück des ehemaligen Flugfeldes in ein buntes Miteinander von Nachbarschaft, Hochbeeten, Tomaten, Bienen, Kompost, Sonnenblumen und Kunst verwandelt. Doch nicht nur Berliner*innen, sondern auch Besucher*innen und Medien aus aller Welt interessieren sich für unseren Garten. Denn der Garten steht für eine lebenswerte, lebendige und zukunftsfähige Stadt. Und darüber hinaus zeichnet der Garten eine Vision von einer anderen Welt – und zwar explizit als ein Ort der sozialen und ökologischen Vielfalt.

Leider mussten wir feststellen, dass der Discounter Aldi ungefragt unseren Garten als Kulisse für seine aktuelle Werbekampagne “Einfach ist mehr” missbraucht hat. Entsetzt hören wir darin den Rapper Fargo ein Lied über die “alles begrabende nutzlose Vielfalt” reimen. Er sitzt auf einer selbstgebauten Holzbank bei uns im Garten und klagt, dass ihm zwei Käsesorten schon zu viel Vielfalt sind. Parallel dazu wirbt Aldi auf Plakaten damit, dass man doch keine 10 Zitronensorten bräuchte, sondern “einfach nur Zitronen”.

Seit Gründung des Allmende-Kontors stehen wir für eine plurale Stadtgesellschaft, biologische und kulturelle Diversität sowie für Bauernmarkt statt Supermarkt. Bei uns pflanzen Menschen unterschiedlicher Herkunft viele verschiedene Gemüsesorten: bunten Mais aus Brasilien, gelbe Tomaten aus Brandenburg, rote Kartoffeln aus Schweden, lila Bohnen aus Ungarn und vieles mehr. Damit zeigen sie den Reichtum und die Vielfalt des naturnahen Gärtnerns. Die Gärtner*innen des Allmende-Kontors sensibilisieren damit für vielfältige und hochwertige Lebensmittel sowie für eine Landwirtschaft, die die Natur, globale Gerechtigkeit und faire Produktionsbedingungen respektiert. Wir sehen uns als Brücke zwischen Stadt und bäuerlicher Landwirtschaft und damit als Teil einer globalen Bewegung für Ernährungssouveränität.

Die gute Nachricht: Jedes Jahr gehen zehntausende Menschen bei der “Wir haben es satt!”-Demonstration in Berlin auf die Straße, um sich gegen industrielle Landwirtschaft, Dumpingpreise, Ausbeutung von Mensch und Natur, Monokulturen, Agrargifte, Klimawandel, Konsum- und Wachstumswahn auszusprechen. Für genau dieses Geschäftsmodell steht Aldi. Aldis Botschaft “einfach ist mehr” ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, uns als Verbraucher*innen entmündigen zu wollen und jede Wahlmöglichkeit zu nehmen. Statt Vielfalt soll uns weiter industriell erzeugter Einheitsbrei vorgesetzt werden. Die Tatsache, dass Aldi und seine kreativen Werber von Oliver Voss und Ogilvy & Mather sich mit Bildern aus einem Gemeinschaftsgarten schmücken, der für das exakte Gegenteil der Kampagne steht, nämlich für Vielfalt statt für Vereinheitlichung, ist mehr als nur eine Frechheit oder primitives Greenwashing eines Discounters.

Im Geiste des Urban Gardening Manifest und in Solidarität mit allen Bäuer*innen, die für eine bunte und ökologische Landwirtschaft kämpfen: Viva la via campesina!

Der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor
Berlin, 26. September 2016

Kontakt für Rückfragen: Severin Halder, severinhalder@gmail.com, 0177-4373811

Hier gehts zur Stellungnahme auf unserer Webseite.

Aktuelles dazu auch auf unserer Facebookseite ‚Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor

Neustart

Wie die Ernährungsbewegung unsere Lebensmittelversorgung neu erfindet

Ein Artikel auf speiseraeume.de
„Zum Haare raufen: Wenn man die Nachrichten aus Politik und Wirtschaft zum Thema Ernährung hört, ist dort wenig Fortschritt im Sinne von Umwelt, Gesundheit und Fairness zu erkennen: Es heißt weiter so. Und eher mehr von dem was schon in der Vergangenheit das Welthungerproblem nicht gelöst, die Belastungsgrenzen unseres Planeten gesprengt und Gesundheit von vielen Arbeitern und Verbrauchern gefährdet hat. Da wünscht man sich manchmal einen Filter, der einem hilft positive Ansätze zu erkennen. Setzen wir doch einmal die viel gescholtene Filterblase positiv ein und richten sie als Lupe auf die Ansätze der neuen Ernährungsbewegung. In dieser Blase wuselt es! Hier sind viele Menschen unterwegs, die alternative Ideen entwickeln und leben. Hier entdeckt man eine beeindruckende Bewegung, die mit imponierender Kraft und Engagement Pilotprojekte schafft. Sie zeigt wie man anders mit Ressourcen, mit Lebensmitteln und Menschen umgehen kann. Diese Food-Bewegung hat sich aufgemacht das Ernährungssystem zu verändern. Weiterlesen…

Landesgartenschau 2016 in Eutin

Am Wochenende war ich in Eutin auf der Landesgartenschau, die sich auf 27 Hektar am Eutiner See und rund um das Eutiner Schloss zieht. Seepark und Schlosspark wurden dafür – teilweise nach historischen Vorlagen – neu gestaltet. Die Meinungen der BürgerInnen zu dem Preis-Nutzen-Verhältnis gehen wie immer auseinander, doch tatsächlich waren beide Parks in den letzten Jahren ziemlich ungepflegt und präsentieren sich nun wieder auf das Allerfeinste. Interessant wird sein, was nach der LGS in den nächsten Jahren mit den Anlagen passieren wird.

Der Seepark hat durch große Flächen, klare Wege und neue Blickachsen gewonnen. Die Blumenbeete sind durch Maschendrahtumrandungen vom Gänsespeiseplan gestrichen. Strandkörbe, viele Liegestühle und einige Hängematten laden zum Ausruhen ein. Für ein Bad in der wunderschönen historischen Badeanstalt am See haben die Temperaturen leider nicht gereicht.

Mit einer Elektro-Fähre können die Fußmüden vom Seepark zum Schlosspark fahren. Der Klimawandelgarten zeigt besondere Baumarten, die für zukünftige städtische Anforderungen gezüchtet werden. Im Areal der Hausgärten gestalteten Garten- und Landschaftsarchitekten auf 12 Flächen um 200 qm unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten – vom Bauerngarten bis zur Wellness-Oase ) Der Upcycling-Garten zeigt Grün in Bäckerkisten, Tetrapacks, Badewannen, Wanderschuhen sowie Gras-Sitzhocker aus Autoreifen.

Die anschliessenden sechs Kulturgärten greifen Theater, Krimi und Literatur auf ). Pflicht ist natürlich der Freischütz von Carl Maria von Weber (in Eutin geboren). Besonders gut haben mir die „Sommergäste“ gefallen, angelehnt an das Theaterstück von Maxim Gorki. „Kultur 36“ bietet 36 Kultureinrichtungen der Stadt Pflanzwürfel mit Obstbaum, Fächern für Informationsmaterial und Sitzgelegenheit.

Über den Marktplatz mit den alten Hofgebäuden, in denen sich während der Ausstellung Blumenhallen und etwas zu viel geschmackloser Kommerz befinden, geht es zu den historischen Küchengärten – meinem absoluten Highlight der Schau ). „Im Zentrum des Schlossgartens liegt der ab 1790 nach englischen Vorbildern gestaltete, rund 1,8 Hektar große Küchengarten. Der ummauerte Nutzgarten diente über Jahrhunderte der Produktion von gärtnerischen Erzeugnissen und der Belieferung der Eutiner Hofküche. Die Industrialisierung des 20. Jahrhundert verursachten in Folge gravierende Schäden im Küchengarten (…). Letztendlich führten diese Probleme zu einer vollständigen Aufgabe der gärtnerischen Nutzung – seit den 1990er Jahren liegt das Gelände weitgehend brach.“ Im Zuge der LGS wurde dieses Gartendenkmal wiedererrichtet und alleine dies rechtfertigt allen Aufwand und Kosten. Die Küchengärten umfassen Imkerei, Hühnerhof, Apothekergarten, ein Garten nach Hildegard von Bingen und die Orangerie. Hier sind auch der Liensfelder Landhof, der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. (VEN) und die Gartenfreunde e.V. vertreten. Langfristiges Ziel: den Garten nach ökologischen Gesichtspunkten zu bewirtschaften und vergessene traditionelle gärtnerische Techniken sowie Anbau und Kultivierung historischer Obst- und Gemüsesorten einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Dazu mussten einige Sponsoren mit ins Boot geholt werden. Wir hoffen, das Ziel wird erreicht!

Die Landesgartenschau Eutin kann noch bis zum 3. Oktober besucht werden.