Post City bei der ars electronica 2015

Dieses Jahr stand die ars electronica in Linz  – Festival für Kunst, Techologie und Gesellschaft – unter dem Motto „Post City – Lebensräume für das 21. Jahrhundert“. Die vier Themenkreise Future Mobility – Die Stadt als Verkehrsknoten, Future Work – Die Stadt als Arbeitsplatz und Marktplatz, Future Citizens – Die Stadt als Gemeinschaft und Future Resilience – Die Stadt als Bollwerk versprachen einigen interessanten Stoff für Urbane GärtnerInnen!

Wer die jährliche Veranstaltung in Linz noch nicht kennt, sei hier kurz auf ihre beeindruckenden Zahlen hingewiesen: „80.945 Besuche wurden gezählt. Das Programm bestand aus 482 Einzelveranstaltungen, die von 946 KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und Mitwirkenden aus 42 Ländern bestritten wurden. Parallel dazu wurden 83 Führungen in 12 Sprachen –  von Arabisch über Russisch bis Thai – durchgeführt. Seitens der Ars Electronica Linz GmbH waren insgesamt 180 MitarbeiterInnen mit der Planung, Organisation und Durchführung des Festivals betraut. 430 Partnern und Sponsoren, zu denen Universitäten und Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Museen, Initiativen, Vereine sowie Institutionen aus Linz und aller Welt zählen, ermöglichten die ars electronica. 433 MedienvertreterInnen aus 27 Ländern akkreditierten sich.“

Wir haben die Veranstaltung vom 5.-7. September besucht und waren zuerst mal beeindruckt von der Location. Vor zwei Jahren fand die ars electronica in einer alten Tabakfabrik statt, dieses Jahr in der „alten“ Paketpost. So alt ist das Gebäude nicht, trotzdem wird es abgerissen, denn auch in Linz sind die Grundstückspreise so hoch, dass es immer mehr Gewerbe in immer mehr Gewerbegebiete verdränt. Zudem wird die Post den Bahnanschluss hier gegen einen Autobahnanschluss dort eintauschen – eine fragwürdige Entwicklung…

Also passte der Titel „Post City“ nicht nur inhaltlich sondern auch räumlich. Riesige Betonhallen fassten die Ausstellung, Konferenzen, Aktionen. Die alten Paketrutschen wurden in „Spiral Falls“ umbenannt und mit Grün und Musik bespielt, die ehemaligen Büros boten der Kunst eine Heimat. Daneben gab es ein Zelt mit Aquaponik auf dem Hauptplatz, eine passende Ausstellung „Höhenrausch“ im und über dem Offenen Kulturhaus, im ars electronica Center und im Lentos Museum sowie Aufführungen an diversen anderen Orten. Auch die Klangwolke am Samstagabend entlang des Rheins widmete sich mit „Hochwald“ von Adalbert Stifter den Zukunftsperspektiven der Naturlandschaft.

In allen Projekten wurde über den eigenen Tellerrand hinaus geschaut – Mikrokredite, Aufbau von durch Krieg oder Naturkatastrophen zerstörten Städten, partizipative Stadtgestaltung, Integration von Asylsuchenden. Große Firmen wie Mercedes standen mit ihrem Zukunftsauto neben One-Man-Projekten wie dem „Fahrradi. Die Kunst widmete sich Themen wie Bekleidung aus Pflanzen oder Proteinnahrung aus Würmern.

Freitag nahm ich an eine Führung zur Stadtökologie teil. Geleitet vom Chef des Botanischen Gartens untersuchten wir die vielfältige Pflanzenwelt auf dem Dach des Gebäudes und erfuhren einiges über Flora & Fauna in der Stadt Linz.

Am Samstag gab es einen Bauernmarkt von BIOAustria, auf dem ganz traditionell Landwirte aus der Umgebung ihre Produkte anboten. Informiert wurde über die zahlreichen Beteiligungsmöglichkeiten und FoodCoops in Österreich.

Webseite der ars electronica 2015

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Urbanes Gärtnern in Cuba

München_Cuba_Nachhaltige-EntwicklungDer Verein EcoMujer wurde vor fast 20 Jahren von deutschen und kubanischen Frauen gegründet. Anlass war der Wunsch, einen internationalen Austausch über Frauen- und Umweltfragen zu etablieren. Das kleine Team von EcoMujer organisierte die Vortrags-Reise von Reina Maria Rodriguez Garcia aus Cuba durch Deutschland.

Reina ist stellvertretende Direktorin der LehrerInnenausbildung in der Filiale der Pädagogischen Hochschule in Consolacion del Sur bei Pinar del Rio, Cuba sowie Projektleiterin von „Comida excelente“ – Setzlinge und SchülerInnen wachsen gemeinsam , einem Cubanischen Pilotprojekt zur Verbesserung der Ernährung.

Am 24. September konnte sie ihren Vortrag mit Unterstützung von verdi und der GEW Bayern im DGB-Haus halten. Um einen Vergleich zu der Situation in München zu ermöglichen, stellte Britta-Marei Lanzenberger Urbane Gärten und die Situation der Schulgärten in München vor.

Die Situation in Cuba ist historisch und aktuell eine ganz andere als in Deutschland. Das urbane Gärtnern ist dort ein wichtiger Bestandteil der Versorgung mit Lebensmitteln und wird von der Regierung massiv gefördert. Die meisten landwirtschaftlichen Flächen gehören dem Staat und auch in den Städten stehen viele Brachflächen für den Obst- und Gemüseanbau zur Verfügung. Landwirtschaft hatte schon immer ein hohes Ansehen in Cuba und dementsprechend wichtig wird die Wissensvermittlung über den Anbau von Lebensmitteln genommen. Schulen und Universitäten stehen im Mittelpunkt jeder Gemeinde, sie nehmen die Anregungen und Bedürfnisse der Bevölkerung auf. Reina wies auch darauf hin, dass Cuba bereits jetzt sehr unter den Auswirkungen des Klimawandels leidet, so dass die Ernten wegen Trockenheit teilweise viel zu gering waren.

Britta-Marei gab einen Überblick zu den Gemeinschaftsgärten, Krautgärten, Kleingärten und Schulgärten in München – ihre unterschiedlichen Ausrichtungen, Motivationen und Möglichkeiten. Am Beispiel der Münchner Gärten der Kulturen in der Waisenhausstrasse zeigte sich die Problematik der fehlenden politischen Anerkennung und langfristigen Sicherheit (das Flüchtlingsprojekt muss aktuell einer Flüchtlingsunterkunft weichen). Bei den Schulgärten besteht nach wie vor das Problem, dass sie nicht im Unterrichtsplan verankert sind und deshalb nur funktionieren, wenn sich ein/e LehrerIn ehrenamtlich dafür verantwortlich erklärt. Die Bürgerstiftung unterstützt deshalb die GemüseAckerdemie, die vor zwei Wochen mit dem Schulgarten in der Balthasar-Neumann-Realschule begonnen hat.

Insgesamt machte der Vortrag von Reina im Vergleich zu den Möglichkeiten unserer Urbanen Gärten und der schwierigen Situation der Schulgärten uns alle etwas neidisch. Am Ende gab es noch viele interessierte Fragen und einen angeregten Austausch.

Mehr Informationen zum Verein EcoMujer
Flyer „Comida excelente“ – Setzlinge und SchülerInnen wachsen gemeinsam
Präsentation „Huerto Consolación“ vom 24. September in München

Gartentour in Hamburg

Meinen jährlichen Hamburg-Besuch im August habe ich diesmal wieder genutzt, um einige Urbane Gärten zu besuchen. Über die Karte der anstiftung habe ich mir eine schöne Tour zusammengestellt. Nach drei Regentagen konnte es dann endlich losgehen!

Es beginnt mit einem Schulgarten
Ich beginne in der Schulgartenstrasse. Dem Namen nach würde man hier einen Schulgarten erwarten. Die Strasse direkt am Altonaer Volkspark heißt aber so, weil dieser Volksgarten nicht nur als Erholung sondern auch als Lehrgarten angelegt wurde. Hier war sozusagen die „Wiege der Umweltpädagogik“.

Kleingärten soweit das Auge reicht
Auf dem Weg vom Auto zum Garten begeistern mich erstmal die vielen Kleingärten. Autobahn und Flughafen sind zwar deutlich zu hören, trotzdem herrscht die typisch meditative „Gartenruhe“. In den Schrebergärten wird viel gewerkelt – nach den Regentagen zieht es natürlich jeden Gärtner in sein Grün. „Moin! Und was fürn schöner!“ werde ich über den Gartenzaun gegrüßt. Ich bummle durch die tiptop gepflegte Gartenidylle und wundere mich, dass manche Gartenhäuschen sehr nach Wohnhäuschen aussehen. Das nimmt man hier scheinbar nicht so eng, waren diese Gärten doch sicher in den 40er Jahren mehr als nur ein Hobby.

Luft für Altona – der Tutenberg-Garten in Altona
Der Altonaer Volkpark ist mir als geborene Hamburgerin total unbekannt, vielleicht weil wegen eigenem Garten Parkausflüge in unserer Kindheit eher selten waren. Dabei ist er mit 205 Hektar der größte Volkspark in Hamburg! Von der Anlage her ist er extrem streng, aufgeräumt und gepflegt. Wie heißt es so schön: „Symmetrie ist die Kunst der Armen“ – egal, mir gefällts. Angelegt wurde er 1914 von Gartenbaudirektor Ferdinand Tutenberg für die Stadt Altona (ja, damals war Altona noch eigenständig), um die Volksgesundheit zu erhalten.
http://www.hamburg.de/parkanlagen/4293230/volkspark-altona/
https://de.wikipedia.org/wiki/Altonaer_Volkspark

Mit geschultem Auge entdecke ich am Rande des Parks eine wild wuchernde Ecke – das muss der Gemeinschaftsgarten sein! Vor mir öffnet gerade ein früher Gärtner das Eingangstor und ich folge ihm. Der Permakulturgarten ist in verschiedene Beete und Zonen aufgeteilt, die allerdings mittlerweile schwer zu erkennen sind, denn alles ist ziemlich verwuchert. Beim Umhergehen entdecke ich ein kleines Glasgewächshaus, mehrere flache Bienenstöcke, ein Holzhäuschen als Terra-Preta-Toilette, Kompostkästen und einen Schuppen mit Lehmbackofen und Küche. Der Gärtner arbeitet im Gewächshaus und erzählt mir einiges über den Garten. Sein Augenmerk liegt leider hauptsächlich auf den vielen gemeinschaftstypischen Schwierigkeiten.
http://www.umweltgestaltung.org/

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Auf dem Rückweg zum Auto denke ich über Eigentum und Gemeinschaft nach. Wie schwer ist es doch für uns Ungeübte, ein solches Gemeinschaftsprojekt zu pflegen. Was entscheidet über Gedeih oder Verderb? Wieviel Zeit und Energie haben wir nicht nur für den Garten sondern auch für die Menschen? Hier kommt es mir vor, als ob die Schrebergärtner doch sehr viel zufriedener sind als die Gemeinschaftsgärtner. Aber das ist ja nur ein kleiner Ausschnitt eines größeren Projektes…

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Um die Ecke schaue ich mir kurz den Garten an, den die Gemeinschaft vor den Wohncontainern der Asylantenunterkunft angelegt haben.

Der Luthergarten in Bahrenfeld
Weiter geht’s zum Luthergarten. Dieser gehört zur Luthergemeinde Bahrenfeld. Das Grundstück liegt neben dem Altonaer Friedhof und einer russisch-orthodoxen Kirche. Leider handelt es sich aber noch nicht um einen Garten sondern um eine eingezäunte Baustelle, so dass ich gleich zu meiner dritten Station weiterfahre – der Motte in Altona.

Einfach mal die Kresse halten – die Motte in Ottensen
Die Motte in Ottensen – oder besser gesagt in Mottenburg – ist seit Jahrzehnten eine Instanz. Kulturzentrum, KiTa, Werkstätten… Seit ein paar Jahren halten sie hier Hühner in einem großen Gehege. In Bäckerkisten wachsen Kürbisse, Grünkohl und Tomaten.
http://www.diemotte.de/

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Kultur & Energie im Bunker – das KEBAP in Altona
Nach einem stärkenden Mittagessen fahre ich zur Schomburgstrasse – dem Kulturenergiebunker KEBAP. In der Strasse mit den typisch norddeutsche Backsteinreihenhäusern der Nachkriegszeit entdecke ich ein Plakat zum Gemeinschaftstreffen und weiß mich in Projektnähe. Der Bunker liegt am Ende der Strasse vor einem Park, das Projekt macht durch Wohn-LKW´s am Straßenrand auf sich aufmerksam – etwas unfreiwillig, aber in meist friedlicher Ko-Existenz, wir mir später berichtet wird.

Begrüsst werde ich von Blütenduft und Schmetterlingen. Und dann von Saskia und Marlene, die das wuchernde Grün in den Hochbeeten zu beiden Seiten des Weges begutachten. In vielen Kästen wächst hier gesund und üppig verschiedenstes Gemüse. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit solarbetriebener Pumpe überbrückt die in Hamburg eher seltenen Trockenperioden. Auf dem Vorbau stehen Bienenstöcke und im schön bunten Gartenschuppen ein Lehmbackofen. Es gibt regelmässige Gemeinschaftstreffen mit gemeinsamem Kochen sowie öffentliche Veranstaltungen.

Der sehr engagierte Verein will den Bunker durch der Stadt Hamburg kaufen und dauerhaft zu einem Zentrum für Kultur und Energie gestalten.
http://kulturenergiebunker.de/

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Die Venus auf den Michelwiesen
Von der so erfreulichen Schomburgstrasse geht es weiter zum Venusberg. Auf dem Weg liegt das Gartendeck St.Pauli, doch das spare ich mir, weil schon so viel darüber berichtet wurde. http://www.gartendeck.de/

Also fahre ich über die Reeperbahn an der Großen Freiheit vorbei zum Venusberg. Die Reeperbahn bietet im Tageslicht ein erschreckend klägliches Bild und mir wird wieder einmal bewusst, wie aufgeräumt und ordentlich München doch ist – mit allen Vor- UND Nachteilen…

Den Urbanen Garten Venusberg gibt es seit Mitte 2013 und durch ihn komme ich in Stadtteile, die mir völlig unbekannt sind. Dieser liegt zwischen der Jugendherberge auf dem Stintfang vorne und dem Michelpark mit dem Verlagsgebäude Gruner & Jahr hinten, den Landungsbrücken unten und des Hamburgers Lieblingskirche, dem Michel oben. Alles in allem eine traumhafte Lage! Die Schiffszimmerer-Genossenschaft baute hier die backsteinroten Wohnriegel 1959 in großer Zahl und damaliger Mode. Heute ist dieses Viertel total hip, die vorgelagerten gewerblichen Flachbauten teilen sich alteingesessene Firmen, moderne Co-Working-Spaces und Werbeagenturen. Treffpunkt ist das sehr schöne café johanna.

Den Garten finde ich erst, als ich zwei Regenwassercontainer entdecke – ein sicheres Zeichen für einen Stadtgarten. Die sehr gepflegten Hochbeete stehen auf einem abschüssigen Grünstreifen unterhalb der Strasse, ein schmaler Weg schlängelt sich hindurch, eine Hochbeet-Bank lädt zum Verweilen ein. Mehrere Leute spazieren interessiert durch die Anlage. Auf dem Rückweg gehe ich noch zum Aussichtsplateau vor der Jugendherberge, entdecke dort den berühmten Hamburger Weinberg und bewundere den grandiosen Ausblick über die Elbe.
http://venusgarten.org/

http://www.hamburg-bist-du.de

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Impulse in der Rosenallee
Trotz des in Hamburg unerträglichen Autoverkehrs fahre ich noch in die Rosenalle. Hier gibt es eine Werkstatt für lernschwache und behinderte Jugendliche zur Tischlerin/Tischler (bei uns im Süden heißt das SchreinerIn). Die Straße hinter dem Hauptbahnhof macht keinen einladenden Eindruck und gehört deutlich nicht zu den hip-gentrifizierten Stadtteilen von Hamburg. Leider ist das Haus geschlossen und bietet mir daher keine Impulse, sondern nur einen unerträglichen Stau auf der Rückfahrt.

Ramckes Saisongarten
Um mich von der Autofahrt durch die Stadt zu erholen, radel ich zu Ramckes Saisongarten in der Feldmark. Die Feldmark gehört zum Stadtteil Eidelstedt, in dem ich aufgewachsen bin und war der Spielplatz meiner Kinderzeit. Überwogen früher Land- und Forstwirtschaft, hat sich die Feldmark in den letzten Jahren durch massiven Wohnungsbau im Stadtteil zu einem Naherholungsgebiet entwickelt. Bauer Krohn gibt es aber immer noch und Landwirt Ramcke hat einen Acker zu einem Gemeinschaftsgarten umgewandelt, in dem man sich einmieten kann.

In der wunderschönen Abendsonne gleicht der Saisongarten mit seinen vielen Sonnenblumen und Dahlien einem Paradies – trotz Autobahn- und Flugzeuglärm. Der Flughafen Fuhlsbüttel ist nah und die Flieger donnern im Minutentakt tief über uns hinweg. Die GärtnerInnen lassen sich davon nicht stören und geniessen ihr Grün. Einige Beete machen einen ungepflegten Eindruck, aber die meisten beeindrucken durch riesige Kürbisse, hohe Grünkohlpflanzen, dicke Weisskohlköpfe, gesunde Karotten. Ein Gärtner zeigt mir stolz seine Ernte an Zucchini, rote Bete und Kartoffeln und verrät mir das Geheimnis: Landwirt Ramcke liefert dem Tierpark Hagenbeck Rüben und bekommt dafür Elefantenmist – ein phantastischer Dünger!

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